Landwirtschaftsdirektor Krämer im Interview „Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen Welten“

Von Tobias Böckermann


Meppen. Landwirtschaftsdirektor Arnold Krämer geht als Leiter der Bezirksstelle Emsland der Landwirtschaftskammer in den Ruhestand. Im Interview berichtet er über Vergangenheit und Zukunft der Landwirtschaft.

Herr Krämer, Landwirtschaft ist nicht mehr wie vor 40 Jahren. Gibt es andere Branchen, die sich in kurzer Zeit so stark verändert haben?

Krämer: Veränderungen gibt es sicher in allen Branchen. Aber die Landwirtschaft stellt zumindest im produzierenden Gewerbe einen Extremfall dar. Der technische Fortschritt, der Ersatz menschlicher Arbeit durch Technik hat Produktivitätssteigerungen wie in keinem anderen Wirtschaftssektor mit sich gebracht.

Wenn Sie die gravierendste Änderung der Landwirtschaft benennen sollten, welche wäre das?

Das hohe Maß an Spezialisierung. Vor 40 Jahren betrieben die meisten Bauern eine Art zoologischen und botanischen Garten. Es gab Schweine, Kühe und Geflügel im Stall, und auf dem Acker wurden alle möglichen Kulturen angebaut. Heute ist das ganz anders – die Spezialisierung auf meist eine Tierart und wenige Ackerfrüchte ist immens. Und der Druck, kostengünstige Rohstoffe zu produzieren, stellt die Bauern zumindest in einigen Bereichen vor große Probleme.

Wo zum Beispiel?

Bei den Milchbauern und bei den Schweinemästern. Ihre Märkte sind gesättigt, die Erzeugerpreise im Keller. Erstaunlicherweise sind hier die Landwirte oft ihre eigenen Kunden, da Milch an Molkereien und Schweine an Schlachthöfe verkauft werden, die als Genossenschaft den Bauern selbst gehören.

Wo liegt das Problem?

Hier gibt es kaum eine Bremse in der Produktion. Jeder versucht, die sinkenden Erzeugerpreise mit steigender Produktion, also sinkenden Stückkosten, auszugleichen. Rohstoffproduzenten, also die Bauern, und die Vermarkter der Endprodukte haben einfach unterschiedliche Interessen. Dabei sollten die Landwirte nie vergessen, dass alles, was von ihnen an Rohstoffen produziert wird, in verarbeiteter und veredelter Form in Konkurrenz im In- und Ausland erfolgreich vermarktet werden muss. Und das ist nicht so einfach.

Gibt es Gegenbeispiele?

Mästhähnchen, Legehennen, Veredelungskartoffeln. Hier sind die Preise auskömmlich, auch weil große abnehmende Verarbeiter wie Emsland Frischgeflügel oder Wernsing daran Interesse haben und die Produktionsmengen der Landwirte vertraglich regeln.

Was hat sich in 40 Jahren noch geändert?

Es gab den Fall der Mauer und damit direkten Wettbewerb mit den großen Betrieben, die in Ostdeutschland entstanden. Die Ausrichtung der EU-Agrarpolitik wurde mehrfach geändert, die Milchquote kam und ging, die Käfighaltung von Legehennen wurde verboten, das Baugesetzbuch geändert. Die Auflistung ließe sich sehr lange fortsetzen. Der Melde- und Dokumentationsaufwand ist mittlerweile gewaltig. Dabei hatte die Mehrzahl der Landwirte vor 40 Jahren noch nicht einmal eine eigene Buchführung.

Vieles hat mit den von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen zu tun.

Ganz genau. Die Politik setzt den Rahmen, in dem man versucht, sich zum eigenen Vorteil zu organisieren. Weil es aber immer mehr „Klein-Klein-Regelungen“ gibt, macht sie den Bauern damit sehr zu schaffen. Allerdings haben die Landwirte selbst auch immer wieder nach Unterstützung durch den Staat gerufen – und der kümmert sich dann eben. Nur funktioniert das immer weniger, das Agrar-System ist zu komplex geworden und vielfach bereits aus dem Ruder gelaufen.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen Sie die Biogasanlagen. Etwa 200 sind im Emsland und der Grafschaft in Betrieb – die Politik hat sie vor 15 Jahren mit Vehemenz gefordert, wollte eine umfassende Energiewende und aus Bauern Klimaschützer und Ölscheichs zugleich machen. Fatalerweise hat man damals einen handwerklichen Gesetzgebungsfehler gemacht und die Gärreste aus den Biogasanlagen bei der Dünge-Verordnung vergessen.

Was bedeutet das genau?

Die meisten Biogasanlagen werden ausschließlich oder überwiegend mit Mais betrieben. Der auf den Betrieben angebaute Mais wurde, bevor die Biogasanlagen entstanden, als Futter zu Milch und Fleisch veredelt. Nur die Reststoffe in Form von Mist und Gülle aus der eigenen Viehhaltung kamen mit ihren Nährstoffen zurück auf die Flächen. Wandert der Mais nun in Biogasanlagen, wird Methan gewonnen, Phosphor, Kali und Stickstoff müssen mit der Biogasgülle jedoch wieder 1:1 auf die Anbaufläche zurück. Diese Flächen stehen dann für die organischen Dünger aus der eigenen, ja weiterhin betriebenen Viehhaltung nicht zur Verfügung. Die alte Düngeverordnung hat das jahrelang ausgeblendet. Deshalb wurde stellenweise viel zu viel gedüngt, was das Grundwasser gefährden kann.

Aber die Verordnung wurde ja nun geändert...

Das stimmt und damit gibt es ein großes Problem. Denn nun benötigen die Anlagenbetreiber plötzlich zusätzliches Ackerland für die Biogasgülle, weil diese meist nicht mehr auf ihren bisherigen Flächen ausgebracht werden darf. Die Konkurrenz um Ackerland wird noch größer und führt zu weiter steigenden Flächenkosten, die nicht aus dem Anbau von Getreide und Mais erwirtschaftet werden können. Weil die Biogasanlagenbetreiber ihre Landwirtschaft aber über die Stromerzeugung quersubventionieren können, haben andere Landwirte beim Kampf um die Flächen oft das Nachsehen.

Ackerland ist ohnehin enorm teuer geworden.

Wozu auch die enorme Nachfrage durch die öffentliche Hand und – besonders ärgerlich – für sogenannte, teils maßlose Kompensationsmaßnahmen beiträgt. Ackerland ist eben nicht vermehrbar. Der Preis pro Quadratmeter ist seit 2004 im Emsland von drei bis vier auf bis zu acht und mehr Euro gestiegen.

Mit welchen Folgen?

Nur Betriebe, die bereits viel Geld verdient haben und/oder ihren Ackerbau durch hochrentable Betriebszweige quersubventionieren, können noch Flächen kaufen – wenn sie denn überhaupt für Landwirte angeboten werden – oder hinzupachten. Gerade Milchviehbetriebe, die Futterflächen dringend bräuchten, können die Flächenkonkurrenz weniger gut bestehen. Der Zugang zu Ackerland entscheidet über die Zukunft der Betriebe.

Was bedeutet das alles für die Familienbetriebe im Emsland?

Der sogenannte Strukturwandel, also das Weichen und Wachsen, wird vermutlich beschleunigt. Vielleicht kommt es sogar zu Strukturbrüchen. Die meisten zukunftsorientierten Familienbetriebe sind längst an den Grenzen dessen angekommen, was mit Familienarbeitskräften zu leisten ist. Viele Funktionen sind bereits an Dienstleister ausgelagert, und die Zahl familienfremder Arbeitskräfte wächst weiter an. Der Trend ist nicht aufzuhalten und bedeutet für viele Landwirte eine große Herausforderung angesichts der Arbeitsmarktsituation mit rund drei Prozent Arbeitslosenquote im Emsland. Und der Umgang mit Fremdarbeitskräften will auch gelernt sein.

Was wird die Zukunft sonst noch bringen?

Die Landwirte haben ab 2021 deutlich weniger Geld aus der EU-Kasse zu erwarten. Damit kann aber auch weniger Geld an die Verpächter durchgereicht werden. Sie werden in der Bodenproduktion weitere Fruchtfolgen mit weniger chemischem Pflanzenschutz praktizieren müssen. In der Tierhaltung ist das Ausmaß der notwendigen baulichen und technischen Veränderungen noch nicht erkennbar. Zwischen dem Wunsch vieler Landwirte „Alles soll so bleiben, wie es ist“ und dem, was gesellschaftliche Gruppen und vereinzelt auch schon der Handel wünschen, liegen teilweise Welten. Ein Konsens oder eine rote Linie ist noch nicht zu erkennen.