IHK: Firmen sagen Aufträge ab „Trotz Lkw-Maut wird Verkehr auf E 233 kaum sinken“

Von Hermann-Josef Mammes

Die Standpunkte der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Emsland erläuterten Geschäftsführer Frank Hesse (von links) und Ulrich Boll (Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses) im Interview mit Redaktionsleiter Hermann-Josef Mammes. Foto: Heiner WittwerDie Standpunkte der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Emsland erläuterten Geschäftsführer Frank Hesse (von links) und Ulrich Boll (Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses) im Interview mit Redaktionsleiter Hermann-Josef Mammes. Foto: Heiner Wittwer

Meppen. Die IHK setzt sich weiter vehement für den vierspurigen Ausbau der Europastraße 233 aus. Das untermauerte Ulrich Boll, Vorsitzender des Regionalausschusses Landkreis Emsland in der Industrie- und Handelskammer (IHK) Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim, noch einmal im Interview mit unserer Redaktion.

Die Planungen für den vierspurigen Ausbau der Europastraße 233 von Meppen nach Emstek werden immer konkreter. Warum ist dieses Großprojekt aus Sicht der IHK so enorm wichtig?

Der Ausbau der E 233 wird einen kräftigen Wachstumsimpuls für das Emsland geben. Das hat das gute Beispiel der A 31 gezeigt. Wir brauchen den Ausbau aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch aus Sicherheitsaspekten. Die Unfallstatistik zeigt die enormen Gefahren der jetzigen Trasse auf. Viele müssen diese Bundesstraße auch beruflich jeden Tag fahren. Projektgegner fordern ein Transitverbot für Lastwagen. Für sie zählt jeder Lastwagen zum Transitverkehr, der mehr als 75 Kilometer außerhalb der Trasse stationiert ist. Damit dürfen aber Niederländer aus der Grenzregion die Trasse auch benutzen. Bei einem Transitverbot müssten die Ordnungsbehörden jeden niederländischen Lastwagen anhalten, um festzustellen, wo er wirklich herkommt. Die Gegner führen eine Vorgarten-Diskussion. Die Lastwagen sollen nach ihrer Auffassung lieber über das Lotter Kreuz fahren, als durch das Emsland.

Ab Mitte 2018 wird auch die E 233 wie alle anderen Bundesstraßen in Deutschland für Lastwagen mautpflichtig. Wird der Anteil des Lkw-Verkehrs sinken?

Ich prognostiziere, dass der Lkw-Verkehr auf der Trasse trotzdem kaum abnehmen wird. Damit bleibt der gravierendste Straßenengpass im Emsland bestehen. Der Ausbau sollte deshalb schnellstmöglich realisiert werden.

Ist die Wirtschaftslage in der Region tatsächlich so gut, wie überall behauptet?

Die Wirtschaft im IHK-Bezirk steht unter Volldampf. Der IHK-Konjunkturklimaindex, wichtigster Gradmesser der regionalen Wirtschaft, lag zum Jahreswechsel mit 133 Punkten auf einem Rekordniveau. Speziell das Emsland boomt. Allein im vergangenen Jahr sind im Emsland 3300 neue Arbeitsplätze entstanden. Die Arbeitslosenquote im Emsland mit drei Prozent liegt auf einem historischen Tiefstand. Aber auf der anderen Seite liegt hierin zugleich unser größtes Problem. Viele Unternehmen könnten deutlich mehr Aufträge annehmen, wenn sie dafür die Mitarbeiter hätten. Wir müssen branchenübergreifend Kunden absagen.

Der Fachkräftemangel schlägt also voll durch...

Richtig, aber es ist tatsächlich noch schlimmer. Wir sprechen gern von Fachkräftemangel, aber genau genommen haben wir ein Arbeitskräftemangel. Es fehlen nämlich nicht nur Meister und Ingenieure, sondern auch Lageristen und Lkw-Fahrer.

Nur jeder zehnte Oberschüler im Emsland startet nach der Schule sofort eine Ausbildung. Müssen wir hier nachjustieren?

Boll: Wir hatten früher eine gute Aufteilung. So gingen viele Hauptschüler früher oftmals in die handwerkliche Ausbildung. Heute streben immer mehr Haupt- und Realschüler eine weitere schulische und anschließend sogar akademische Laufbahn an. Es wird immer schwieriger, dass duale Ausbildungssystem bzw. die Lehrstellen zu besetzen. Außerdem müssen die Schulen die Schüler gezielt auf die gestiegenen Anforderungen in der Berufswelt vorbereiten und Berufsorientierung bieten. Wir brauchen mehr Angebote, um leistungsschwächere Jugendliche zu stärken. Zudem müssen wir die Berufsschulen unterstützen. Die hohen Unterrichtsausfallzahlen sind nicht hinnehmbar. Auch um die Studienabbrecher wollen wir uns als IHK stärker kümmern. Seit 2014 haben wir allein im Emsland 71 Studienabbrecher beraten, um sie in eine Ausbildung zu vermitteln.

Der Landkreis versucht mit verschiedenen Werbeaktionen, Fach- bzw. Arbeitskräfte aus anderen Regionen anzulocken....

Das hilft. In Bewerbungsgesprächen sind weiche Faktoren oder Leuchttürme wie der SV Meppen sehr wohl wichtig. Allerdings müssen Arbeitgeber auch den Lebenspartner überzeugen. Da kann eine Stadt wie Meppen mit sozialen Komponenten wie günstigen Kita-Plätzen und Grundstücken durchaus punkten. Zudem müssen wir aufzeigen, dass auch die Partner im Emsland eine Berufsmöglichkeit haben.

Da gibt es gerade bei der Frauenbeschäftigungsquote im Emsland auch noch Nachholbedarf...

Das stimmt. Wir haben eine Beschäftigungsquote der Frauen im Emsland von 49 Prozent. Deutschlandweit liegt die Quote bei 54 Prozent. Wenn wir im Emsland das entsprechende Potenzial ausschöpfen würden, hätten wir 6000 Arbeitskräfte mehr.

Ist das Lohnniveau im Emsland attraktiv genug?

Bei den normalen Fachkräften reden wir über Tariflöhne. Die werden fast überall auch im Landkreis bezahlt.

Wirkt sich der wachsende Protektionismus von Ländern wie USA und China auch auf emsländische Unternehmen aus?

Die Marktbarrieren behindern unsere Unternehmen. Allein 252 emsländische Firmen sind im Ausland unterwegs. 13 Prozent dieser Firmen klagen über Hürden im internationalen Geschäft. China und Russland werden dabei am häufigsten genannt. Der Brexit dürfte sich in Zukunft ebenfalls negativ auswirken. Bislang engagieren sich 92 Firmen aus dem Emsland im Vereinigten Königreich.

Wenn man in die Zukunft schaut: Wo liegen die Herausforderungen für IHK-Arbeit im Emsland in diesem Jahr?

Unsere aktuelle IHK-Analyse zeigt, dass das Emsland weiterhin mit niedrigen Steuern und Abgaben punkten kann. Aus Kostensicht sind wir ein attraktiver Standort. Dies gilt für die Trink- und Abwasserentgelte ebenso wie für die Gewerbe- und Grundsteuer B sowie die Abfallgebühren. Gleichwohl gibt es auch negative Entwicklungen, da zahlreiche Kommunen in den vergangenen Jahren ihre Gewerbesteuer angehoben haben. Wir müssen aufpassen, dass die Standortbedingungen weiterhin attraktiv bleiben, auch um die Nachteile aus der geografischen Lage auszugleichen.

Die Energiewende trifft das Emsland gleich in mehrfacher Hinsicht...

Das Emsland produziert bereits ausreichend Ökostrom, um sich selbst versorgen zu können. Allerdings müssen wir gleichzeitig auf die Ziele Versorgungssicherheit und niedrige Energiepreise achten. Hilfreich ist dabei, dass Lingen ein wichtiger Energiestandort ist. Das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk leistet einen wesentlichen Beitrag zum Energiemix und zur Versorgungssicherheit und ist damit Unterstützer der Energiewende. Es ist mit einem Wirkungsgrad von 59 Prozent eines der effizientesten Kraftwerke weltweit. Damit gerade unsere Betriebe, die viel Energie benötigen, wettbewerbsfähig bleiben, wäre eine Senkung der Stromsteuer ein wichtiger Schritt.

In diesem Jahr findet die IHK-Wahl statt. Welche Bedeutung haben sie?

Das Ehrenamt ist ein elementares Merkmal unserer IHK-Organisation. Wir wählen im September für fünf Jahre eine neue IHK-Vollversammlung. Bislang sind 22 emsländische Unternehmer Mitglied der IHK-Vollversammlung. Ich wünsche mir, dass die fast 20000 emsländischen Mitgliedsunternehmen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen.