Schweigen oder Fettnäpfchen Tim Boltz gibt in Meppen dem Kopfkino freien Lauf

Von Petra Heidemann

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Meppen. Mit amüsantem Breittreten alltäglicher Fettnäpfchen und genüsslichem Sezieren gut bekannter Peinlichkeiten hat der Literatur-Comedian Tim Boltz das Meppener Publikum auf einen Streifzug durch seine Romane und seine Lyrik mitgenommen.

Tim Boltz steht für analytische Beobachtung, sprachliches Feuerwerk, Kurzweiligkeit. Dahinter verbergen sich Sprachstudium, Schauspielunterricht, Erfahrungen als Redakteur und Musical-Librettist. Boltz mit seiner Romanfigur Robert Süßemilch - das ist auch Chris Kind mit seinem Bestseller „O Pannenbaum“, das sind ebenso die Kriminalromane um Kommissar Seeberg, die der Literatur-Comedian unter seinem eigentlichen Namen Zeno Diegelmann veröffentlicht.

Bei seinem zweiten Auftritt in Meppen griff der Künstler als Tim Boltz auf seine Bücher „weichei“, „nasenduscher“ und „linksträger“ zurück und ließ das Publikum an „Robert Süßemilchs Lebenserfahrungen“ teilhaben, dieses Mal in einer Auswahl von Situationen, in denen „man besser mal die Klappe halten“ sollte. Welcher Mann versucht schon gern, im Drogeriemarkt typisch weibliche Utensilien aufzufinden, über die er nie zuvor nachgedacht hat. Wenn dann die hilfreiche Verkäuferin mangels Spachkenntnissen „Vorhauthobel“ statt „Hornhauthobel“ versteht und laut kommuniziert, erzeugt das nicht nur im Text einen „Lachspalier“.

Auf dem Gesicht des Künstlers ereigneten sich Schauspiele, unterstützt durch Gestik und stimmliche Anpassung - dem Feuerwerk an so initiiertem Kopfkino konnte sich kaum einer der Theaterbesucher entziehen. Dennoch blieb Boltz bei seinem bewährten Konzept, kein Klischee über weibliche Östrogen- und männliche Testosterongesteuertheit auszulassen. Das karikierte Bild des Mannes zeichnet sich bei Boltz aus durch Nichtverstehen von Frauen, durch „Fleischeslust“ in Bett und Bratpfanne, durch das Nicht-nötig-Haben, nach dem Weg zu fragen und durch das aussichtslose Unterfangen, sich bei allem noch so ernsthaftem Bemühen in einer Partnerbeziehung fettnäpfchenfrei zurechtzufinden. Das persiflierte Frauenbild des Comedian setzt sich zusammen aus schwangerschaftsbedingter Übersensibilität, für Männer nicht nachvollziehbarer Logik, unberechenbaren Reaktionen und kosmetischen Klimmzügen.

Was andere peinlich berührt schweigen lässt, kostet Boltz erst richtig aus; mit Ironie lässt er Szenerien aus der Perspektive Süßemilchs miterleben, wenn sich dieser seiner Freundin zuliebe vegetarischen Anschlägen auf seine lieb gewordenen Essgewohnheiten aussetzt. Meisterhaft versteht sich der Sprachakrobat auf das Spiel mit Assoziationen, Wortschöpfungen und Zweideutigkeiten. Mit mikroskopischem Blick spürt er Unterschwelliges und anscheinend Banales des täglichen „ganz normalen Wahnsinns“ auf, fokussiert gibt er ihm durch brillante Überspitzungen Raum für Eigenleben, das als Spiegelbild in den selbst erfahrenen Peinlichkeiten des Publikums andockt und dem Hörer Gelegenheit bietet, sich durch befreiendes Lachen vom eigenen Erleben zu distanzieren. Schade, dass der Literatur-Comedian, wie Boltz sich bezeichnet; seinen frech-frischen Esprit nicht noch mehr oberhalb der Gürtellinie zum Austoben bringt. Doch wer seine Bücher kennt, weiß, was ihn erwartet. Dennoch verlebendigt sich die ihm eigene Sprachkunst erst durch die Griffigkeit seines Bühnenauftritts. In diesem Sinne könnte man seinen Programmtitel umdrehen: Schreiben ist Silber, Reden ist Gold - ja, und manchmal eben auch Schweigen.


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