Schocktherapie für Schüler in Meppen Polizei: „Pro Jahr sterben 25 Schulklassen auf unseren Straßen“

Von Heiner Harnack


Meppen. Verkehrsteilnehmer zwischen dem 18. und dem 24. Lebensjahr haben immer noch das mit Abstand höchste Risiko bei einem Verkehrsunfall zu verunglücken. Allein im Jahr 2015 kamen 473 junge Menschen bei Unfällen ums Leben. Darüber informierten Polizeibeamte, Feuerwehrleute, Rettungssanitäter, Notärzte, Seelsorger und Unfallopfer Schülern des Meppener Windhorst-Gymnasiums sowie der Gymnasien Haren und Haselünne und der Berufsbildendenden Schulen.

Rund 500 Schüler waren ins Theater Meppen gekommen, um aus berufenem Munde zu erfahren, wie schnell aufgrund von Sorglosigkeit, Unerfahrenheit und Alkoholkonsum tödlicher Ernst werden kann. Die Infoveranstaltung war Teil des Bühnenprogramms „ABGEFAHRen, wie krass ist das denn“.

Schüler geschockt von Bildern

Hartmut Bruns von der Polizei Meppen zeigte auf, dass im Zeitraum der Jahre 2012 bis 2017 alleine in den Landkreisen Grafschaft Bentheim und Emsland 44 junge Fahranfänger ihr Leben verloren hatten. „Pro Jahr sterben rund 25 Schulklassen auf unseren Straßen“, sagte Bruns den teilweise geschockten Schülern, von denen einige im Laufe des Programms den Saal verlassen mussten. Im Foyer des Theaters warteten Fachleute, um sich den Schülern anzunehmen. Für manch einen waren die Bilder und Videos, die bis auf wenige Ausnahmen, Originalmaterial darstellten, zu viel geworden.

Überlebender erzählt

„Hallo, mein Name ist Christian Willenborg. Ich bin 34 Jahre alt und ein leidenschaftlicher Fußballer, auch im Urlaub“, schallte es aus dem dunklen Hintergrund des Theaters. Dann kam Willenborg auf die Bühne – im Rollstuhl– und jedem der 500 Zuhörer wurde mit einem Schlag klar, dass der Redner etwas Schreckliches erlebt haben musste. Willenborg hatte einen Unfall in einem überfüllten Taxibus überlebt, der zwei jungen Frauen ihr Leben nahm und einige Schwerverletzte forderte.

Willenborg ist querschnittsgelähmt. „Es kommen Ärzte in dein Zimmer und stellen fest, dass man schon wieder abgeführt hat und du bekommst nichts davon mit. Wie das einen runterzieht, kann ich Euch nicht wirklich erzählen“, sagte Willenborg vor einem Publikum, in dem man die berühmte Stecknadel beim Fallen hätte hören können. Seine Verletzung sei nicht wie Knochenbruch nach einiger Zeit wieder verheilt.

Sanitäter erzählen

Ebenso eindringlich waren die Erlebnissberichte der Feuerwehrleute Rolf Thelen und Klaus Determann von den Wehren in Haselünne und Lathen. Dass Einsätze bei Unfällen auch oft weit über die Kräfte der Retter hinausgehen, erfuhren die Schüler anhand der aufgezeigten Beispiele mehr als deutlich. Hermann Vieler vom Rettungsdienst des DRK Meppen schilderte, wie er mit dem Rettungswagen fast selbst in einen Unfall verwickelt worden sei, der am Ende einem jungen Mann das Leben kostete. Notarzt Christian Prause und Seelsorgerin Bärbel Wempe schilderten den tragischen Unfall eines VW-Bully-Enthusiasten, der wenige Tage nach dem Unfall im Krankenhaus verstarb. Die Verletzungen waren zu schwer.

Das Projekt „ABGEFAHRen, wie krass ist das denn“ wurde im Dezember 2017 mit dem Niedersachsen-Preis für Bürgerengagement ausgezeichnet.