Große Sorge um Nachwuchs Akuter Ärztemangel in kleineren Gemeinden im mittleren Emsland

Von Konstantin Stumpe

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Meppen. Der Präsident der Bundesärztekammer hat vorgeschlagen, Arztpraxen günstig in Rathäusern unterzubringen. In der Realität scheint das, zumindest im Altkreis Meppen, nicht machbar. Die Rathäuser haben schlicht keinen Platz. Die Kommunen bekämpften den Ärztemangel auf anderem Weg.

Um mehr Ärzte zu motivieren, auf dem Land zu arbeiten, hat der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung vorgeschlagen, Rathäuser teils zu Arztpraxen umzufunktionieren. „Nehmen Sie beispielsweise das ein oder andere überdimensionierte Rathaus. Vielleicht könnte man einen Flügel zu einem günstigen Mietpreis als Medizinisches Versorgungszentrum ausgestalten, in dem sich drei, vier Ärzte niederlassen können“, sagte Frank Ulrich Montgomery im Interview mit unserer Redaktion.

Gar kein Platz im Rathaus

Herzlakes Samtgemeinde-Bürgermeister Ludwig Pleus steht der Unterbringung von Arztpraxen in Rathäusern skeptisch gegenüber. „Wir haben gar keine Räumlichkeiten, die dafür in Frage kommen“, beschreibt er die große Auslastung im Gespräch mit unserer Redaktion. In Herzlake ist daher schon das Rathaus ausgebaut worden. „Wenn ein Arzt kommt, dann finden wir schon einen Platz. Und wenn unbedingt jemand ins Rathaus will, dann können wir noch ein Stockwerk draufsetzen.“ Im Übrigen fördere die Samtgemeinde die Ansiedlung von Ärzten schon seit Jahrzehnten und nicht erst seit dem Vorschlag von Montgomery.

Akuter Bedarf

Die Samtgemeinde bleibt vom Ärztemangel trotzdem nicht verschont. „Noch sind wir halbwegs im grünen Bereich“, sagte Pleus. Bei derzeit drei Allgemeinmedizinern in der Samtgemeinde bestehe aber akuter Bedarf, zumal alle schon etwas in die Jahre gekommen seien. „Im Augenblick sind wir im Gespräch mit einer Ärztin“, lässt Pleus hoffen. Ob diese sich in Herzlake niederlasse, könne er aber nicht sicher sagen, schließlich seien die Ärzte auch mit anderen Gemeinden in Kontakt.

Bei Interesse beim Bürgermeister melden

„Auch wir sind vom Landarztmangel betroffen“, sagt ganz klar Geestes Bürgermeister Helmut Höke. Das Rathaus komme aber nicht als Praxis in Frage, unter anderem weil in der Nachbarschaft gerade erste ein modernes Ärztehaus entstanden ist. In Osterbrock hingegen stehe eines für zwei bis drei Ärzte leer. Das Haus steht laut Höke zum Verkauf. „So günstig schießt man heute kaum noch Immobilien“, sagt der Bürgermeister. Wer Interesse hat, könne sich gerne bei ihm melden.

Twist sucht dringend Nachwuchs

Dringend Verstärkung für sein Ärzteteam sucht auch die Gemeinde Twist. Derzeit praktizieren dort vier Allgemeinmediziner. Einer in Schöninghsdorf-Hebelermeer, einer in Twist-Mitte und zwei im Ortsteil Bült. Bei etwa 9600 Einwohnern kommen in Twist somit 2400 Menschen auf einen Arzt. Die vorgegebene Quote der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, wonach 1700 Einwohner auf einen Arzt kommen sollen, wird damit nicht erfüllt. Viel größere Sorgen bereitet Bürgermeister Ernst Schmitz, dass „der Arztbestand bedrohlich zu altern scheint“. Die Ärzte seien teils um die 60 Jahre oder älter. Spätestens in zwei Jahren müssen sich laut Schmitz Nachfolger finden. Suchen wolle die Gemeinde intensiv mit Werbemaßnahmen in Zeitung und Internet. Außerdem böte die Gemeinde individuelle finanzielle Hilfe für Ärzte an. „Jeder hat unterschiedliche Wünsche. Wir helfen bei der Suche nach einem Bauplatz, der Wohnungssuche oder einem Kita-Platz.“, verrät Schmitz.

Haren spielt das Spiel nicht mit

Über die Situation in Haren gibt Pressesprecherin Michaela Hoffmann Auskunft. „Nein, wir haben keinen Platz im Rathaus“, unterstreicht sie. Auch ob die Stadt Bedarf an Ärzten hat, könne sie nicht sagen, weil vom Land nur ein Bedarfsplan für den gesamten Altkreis Meppen aufgestellt wird. Der weist 13 freie Hausarztstellen im Altkreis aus. Auf einen Arzt kommen etwa 1858 Einwohner. Damit liegt der Altkreis laut Robert Biermann, Referent für Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsens (KVN) bei einer Auslastung von 91 Prozent. Unterversorgt sei der Kreis damit nicht. „Erst bei unter 75 Prozent spricht man von Unterversorgung“, sagt Biermann. Wie es in den einzelnen Städten und Gemeinden aussieht, kann die Bedarfsplanung nicht darstellen. Darauf angesprochen erwidert Biermann: „Bis 2012 wurde die Planung noch für den gesamten Landkreis aufgestellt. Nun sind es immerhin vier Bereiche.

Anders als Herzlake locke Haren Ärzte nicht mit finanziellen Vergünstigungen. Dabei gehe es immer nur darum „wer bietet mehr“. „An diesem Wettlauf wollen wir uns nicht beteiligen“, sagt Hoffmann. Wirft man einen Blick auf die Anzahl der Ärzte in Haren, dann wird schnell klar, warum: In Haren praktizieren derzeit 15 Allgemeinmediziner. Bei etwa 23.000 Einwohnern kommt ein Arzt auf 1533 Einwohner. Damit ist die Quote der KVN zu 111 Prozent erfüllt.

Innere übernimmt Aufgaben der Hausärzte

Auch Haselünne steht laut Bürgermeister Werner Schräer derzeit noch ganz gut da. Wie viele Allgemeinmediziner genau in der Stadt praktizieren, sei schwierig zu sagen. Einige würden nur halbtags arbeiten, dafür könne man aber auch die innere Abteilung des Krankenhauses teilweise hinzuzählen. Einige Ärzte kämen aber so langsam in eine Altersgruppe, in der eine Nachfolge anzudenken sei. Eine direkte finanzielle Unterstützung durch die Stadt für neue Ärzte gebe es nicht. „Wir sind aber bei Wohnungssuche und der Suche nach Kita-Plätzen behilflich“, sagt Schräer. Haselünne habe das Glück, mit dem ans Krankenhaus angeschlossene Ärztehaus gute Rahmenbedingen zu bieten.

Meppen noch gut aufgestellt

Die Stadt Meppen ist im Bereich der medizinischen Versorgung sehr breit und gut aufgestellt. Das sagt zumindest Bürgermeister Helmut Knurbein. Mit dem Krankenhaus Ludmillenstift verfüge Meppen zudem über ein anerkanntes medizinisches Versorgungszentrum, das nicht zuletzt durch die jüngsten Baumaßnahmen einen hohen Qualitätsstandard vorhalte. „Überlegungen zur Unterbringung von Praxisräumen in unserer Stadtverwaltung sind daher nicht angedacht,“ sagt Knurbein.

Dr. Karl Hubert Hoffschulte, selbst praktizierender Hausarzt in Meppen und Vorsitzender im KVN für den Altkreis, bestätigt die Aussage von Knurbein. Er spricht von 21 Allgemeinmedizinern im Stadtgebiet. Damit ist die Quote des KVN einigermaßen gut erfüllt. „Noch ist die Stadt vom Mangel nicht betroffen, aber für die Zukunft müssen wir uns Sorgen machen“, verrät der 70-Jährige. Er selbst könnte schon in Rente sein, hat aber keinen Nachfolger und will seine Patienten nicht alleine lassen. Seiner Meinung nach ist es schwierig, auswärtige Ärzte nach Meppen zu locken. „Die müssten schon hier geboren sein und Lust haben nach dem Studium wieder zurückzukehren“, betont der Arzt.