Serie „Mein Job und ich“ Meppener Rechtsanwalt Otto Lieber über aktuelle Fälle

Von David Hartmann

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Seit 1987 ist Otto Lieber Rechtsanwalt in Meppen. Foto: David HartmannSeit 1987 ist Otto Lieber Rechtsanwalt in Meppen. Foto: David Hartmann

Meppen. Seit 1987 ist Otto Lieber Rechtsanwalt in Meppen. In der Serie „Mein Job und ich“ berichtet er über seinen Beruf, seine interessantesten Fälle und wie realistisch die täglichen Anwaltssendungen im Fernsehen sind.

Wie kam es dazu, dass Sie Jura studiert haben? War Rechtsanwalt Ihr Traumberuf?

Wie es dazu gekommen ist, weiß ich selbst nicht so genau. Ich habe mein Abitur gemacht und musste mich nun entscheiden, was ich werden soll, aber meine Mutter gab mir den entscheidenden Tipp. Sie sagte mir: „Otto, du hörst gar nicht mehr auf zu reden, wenn du einmal angefangen hast. Werde doch einfach Anwalt.“ Daraufhin habe ich mich über den Beruf Rechtsanwalt informiert, fand es auch sehr interessant und habe angefangen, Jura in Berlin und Münster zu studieren. Nach meinem Examen bin ich nicht wie andere in ein Büro eingestiegen, sondern habe mir einfach ein Schild genommen, es an die Wand genagelt und dann in Meppen losgelegt.

Was war in all den Jahren Ihr interessantester, spannendster Fall?

Das ist schwierig. Vor über 20 Jahren war ich Verteidiger in einem Mordfall. Im Zuge der Wiedervereinigung kamen viele Menschen aus der DDR in das Bramscher Aufnahmelager. Von acht oder zehn geflohenen DDR-Bürgern, das war nicht mehr so genau feststellbar, wurde damals ein Mitbewohner des Aufnahmelagers zu Tode geprügelt und getreten, und ich übernahm die Strafverteidigung. Es stellte sich heraus, dass alle Angeklagten in Erziehungsanstalten der DDR untergebracht waren, also schon damals sehr üble Zustände kennengelernt hatten. Dieser Fall war auf jeden Fall sehr spannend. Was auch noch sehr interessant ist, war ein Mann, den ich vor vielen Jahren in der JVA kennengelernt habe. Er fing an, über die Zeit im Gefängnis ein Buch, „Der Räuber mit der sanften Hand“ zu schreiben, dass auch verfilmt wurde. Für ihn habe ich daraufhin die Vertragsverhandlungen mit RTL geführt. Da war RTL noch ganz klein, ich habe mit dem Unterhaltungschef die Verträge ausgehandelt und mit dem einzigen Chefjuristen des Senders das Ganze juristisch abgearbeitet. Leider ist mein Mandant, der Autor, nur kurze Zeit später größenwahnsinnig geworden, und RTL wollte ihn nicht mehr weiter beschäftigen. Im Zuge dessen kam seine starke kriminelle Ader wieder zum Vorschein und er beging neue Straftaten. Mittlerweile ist er wieder aufgrund seiner Taten in einem Gefängnis irgendwo in Bayern inhaftiert.

Gab es denn auch Fälle oder Verteidigungen, die Ihnen schwerfielen, oder wo sie „Nein“ sagen mussten?

Natürlich gibt es Fälle, die man ablehnt. Entweder sind es Fälle, die nicht in mein Fachgebiet fallen oder wenn es nach meiner Einschätzung keine Aussicht auf Erfolg gibt. Aber allgemein moralisch verwerfliche Fälle kommen so gut wie nie vor. Wenn es aber so sein sollte, bin ich der Meinung, dass man auch diesen Mandanten annehmen muss. Alles andere, finde ich, wäre eine falsche Auffassung des eigenen Berufs. Wenn man sich dazu entscheidet, Rechtsanwalt zu werden, muss man auch eben die Sachen erledigen, die der Beruf mit sich bringt. Es sollten immer die Interessen der Angeklagten vertreten werden, aber da gibt es natürlich auch Grenzen. Wenn ich jemanden verteidige, darf ich mich nicht zum Komplizen machen. Der Verteidiger sollte die Interessen des Angeklagten strikt vertreten, darf sich aber zu nichts Illegalem hinreißen lassen. Also keine Verfälschung von Tatsachen oder die Mitnahme von bestimmten, verbotenen Sachen in die JVA.

Gibt es Klienten, die nicht zahlen können?

Ja, das kommt schon häufiger vor. Wobei das in den letzten Jahren aufgrund der guten wirtschaftlichen Situation deutlich besser geworden ist. Es ist auch nicht schlimm, wenn ein Mandant nicht zahlen kann, er muss nur von Anfang an mit offenen Karten spielen. Dann kann man Prozesskostenhilfe oder Beratungshilfe anfordern. Ich als Anwalt bin dazu verpflichtet Menschen zu helfen, die wenig oder gar kein Geld haben. Wenn sie aber nichts sagen, ist es ärgerlich, im Nachhinein festzustellen, dass die Mandanten nicht zahlen können, da man das Problem zu Beginn hätte aus der Welt schaffen können.

Kommen wir zum Gericht. Was halten Sie von den deutschen Gesetzen?

Die deutschen Gesetze und das deutsche Rechtssystem sind so ziemlich die Jüngsten, die es auf der Welt gibt. Die Engländer und Amerikaner arbeiten nach Systemen, die schon seit vielen Jahrhunderten bestehen, genauso die Franzosen. Zu hart finde ich unsere Gesetze keineswegs. Streng ist zum Beispiel die Scharia. Das ist ein Rechtssystem, das ich ablehnte, denn es heißt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, da ist das deutsche Rechtssystem weiter. Unser System greift ineinander, das heißt die Gesetze, die verschiedenen Gesetzesbücher, sind verbunden. Das ist einmalig, das haben nur wir. Ich sehe auch keine Probleme bei unseren Gesetzen und dem deutschen Recht. Vielmehr sind es Fehler bei der Anwendung und Durchführung. Die Rechtsanwendung findet durch Menschen statt, und kein Mensch ist vollkommen, deshalb kommen hier die meisten Fehler vor. Deshalb sehe ich besonders hier die Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass das Recht umgesetzt und durchgesetzt wird, anstatt dafür zu sorgen, dass es immer neue Gesetze gibt. Denn Gesetze, die nicht durchgesetzt werden, taugen nichts.

Wenn Sie ein Gesetz ändern oder neu einführen dürften, welches wäre das?

Für verbesserungsbedürftig erachte ich, dass für die öffentliche Hand gewisse Fristen eingeführt werden sollten, in denen sie ihre Aufgaben erledigen muss. Zurzeit gibt es keine einzige Frist, der der öffentlichen Hand vorschreibt, eine Aufgabe in einer gewissen Zeit zu erledigen. Sobald man bei Rot über die Ampel fährt, gibt es die Möglichkeit, binnen 14 Tagen Einspruch gegen den Bußgeldbescheid einzulegen. Da, meine ich, sollte darüber nachgedacht werden, ob es nicht sinnvoll wäre, auch für die öffentliche Hand gewisse Fristen einzuführen.

Im Fernsehen sind täglich verschiedene Anwaltsserien zu sehen. Was halten Sie von den Sendungen?

Ich muss ehrlich sagen, die letzte Anwaltssendung, die ich von vorne bis hinten geschaut habe, war eine Folge Liebling Kreuzberg, also schon ein paar Jahre her. Ab und zu verfolge ich noch für ein paar Minuten Richterin Salesch oder Richter Holt. Die Darstellung, wie ein Prozess abläuft, ist in den Sendungen ganz gut dargestellt, also zum Beispiel das Auftreten des Staatsanwaltes und des Richters. Wobei die Ausführlichkeit und die zeitliche Dimension des Prozesses meist nicht passen. Über die Darstellung der Angeklagten muss man gar nicht reden. Die Rollen sind von Schauspielern besetzt, die sehr überspitzt handeln und dargestellt sind. Aber das macht die Sendung ja meist erst interessant.

Wenn Sie die Chance hätten, in den USA einen Prozess zu führen, würden Sie dieses Angebot wahrnehmen?

Ich bin am liebsten in Deutschland tätig. Wie gesagt, das deutsche Rechtssystem ist sehr weit entwickelt. Wobei man in England auch sehr gut als Anwalt arbeiten kann, da dort die Bezahlung deutlich besser ist. Von Amerika allerdings halte ich nichts. Das Rechtssystem stammt so etwa aus dem 16. Jahrhundert, demnach sind die Techniken und die Auslegung des Rechtssystems sehr weit hinten im Vergleich mit anderen. Also nein, ich würde ein solches Angebot ablehnen und bin sehr zufrieden mit dem Recht, welches ich in Deutschland vorfinde.


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