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Solistenpreis geteilt Musikalisches Kräftemessen junger Talente in Melle

Von Conny Rutsch | 02.09.2019, 12:56 Uhr

Höher, weiter, schneller? Nein, mit diesen Maßstäben wird bei einem Klavierwettbewerb nicht gemessen. Aber musikalische Ausstrahlung, technisches Spielvermögen und Interpretationskunst sind durchaus die Kriterien, die vier junge Pianisten am Sonntagmittag in Melle zeigen mussten, um sich den Solistenpreis des Musikfestes Wasserschloss Gesmold 2019 zu erspielen.

Jung sind sie, um die zwanzig, und haben seit früher Kindheit Stunde um Stunde, jahrelang am Klavier gesessen und geackert: Fingerfertigkeitsübungen, Auswendiglernen des Notentextes, dann die musikalische Ausgestaltung der Werke nach dem Studium der kompositorischen Besonderheiten. Und nun durften sie ihre Kunst vor einer Jury präsentieren.

Die entschied sich am Ende, den Solistenpreis zu teilen. Der Thailänder Harit Chunhanantasap und Valeria Tretiakova aus Russland freuten sich über je 500 Euro und die Einladung, im kommenden Jahr auf Schloss Gesmold zu konzertieren.

Mit dem ersten Satz aus der Sonate A-dur D.664 zeigte Harit Chunhanantasap ein hoßes Maß an Einfühlungsvermögen in die romantische Welt Franz Schuberts.

Skelette tanzen

Danach wagte er sich an den Dance Macabre op. 40, die Sinfonische Dichtung (Totentanz) des französischen Komponisten Camille Saint-Saëns für Klavier bearbeitet von Franz Liszt. Er bewältigte dieses eher düstere Werk, in dem der Komponist die Skelette zur Mitternacht aus den Gräbern lockt und klappernd tanzen lässt, scheinbar mühelos mit großer Virtuosität.

Von Valeria Tretiakova blieb beim Publikum vor allem die bekannte sogenannte Revolutionsetüde, die wohl bekannteste Etüde von Frederic Chopin in Erinnerung, perfekt in Szene gesetzt mit perlenden Läufen in der linken und kraftvollen Fanfarenakkorden in der rechten Hand. Zuvor überzeugte sie die Jury mit der Sonata-Tale op.25 Nr. 1 des russischen Komponisten Nikolai Medtner.

Die Zuhörer in der Remise des Schlosses Gesmold durften für den Publikumspreis für ihren Favoriten stimmen. Der wurde William Bracken aus Liverpool mit drei der Etudes tableaux von Sergei Rachmaninoff. Diese Kompositionsgattung erfand der Komponist als Mischung zwischen technischer Etüde und fantasievoller Tondichtung, allerdings mit einem derartigen Schwierigkeitsgrad, der dem Pianisten sowohl viel Kraft und Virtuosität als auch ein hohes Maß an Sensibiliät abverlangt.

Dem jungen Briten gelang damit ein Bravourstück nach dem Vortrag des ersten Satzes der B-dur Sonate KV 333 von Mozart. Auch er darf 500 Euro mit nach Hause nehmen und im nächsten Jahr wieder nach Gesmold kommen.

Gläserne Musik

Der zweite Thailänder, Aruth Masragsan, hatte sich ein Programm ausgesucht, das als das durchsichtigste und wunderbar anzuhörende gelten darf. Gradezu gläsernde Musik wie Präludium und Fuge F-dur von Johann Sebastian Bach, eine Etüde von Alexander Skrjabin und die Variationen op. 19 Nr. 6 von Peter Tschaikowsky machten seinen feinsinnigen Vortrag zu einem wahren Hörvergnügen.

Die vier jungen Pianisten spielten vor einer Jury unter Vorsitz von Henriette von Hammerstein, den beiden künstlerischen Leitern des Musikfestes Nadia Mokhtari und Denys Proshayev, Harald Rummler von der Werner-Trenkler-Gesellschaft in Solingen sowie dem Pianisten Alexander Ghindin.

„Wir haben aus 25 Bewerbungen, die per Video zu uns kamen, die vier Finalisten ausgesucht“, erklärte Denys Proshayev, der nach dem Wettbewerb mit seiner Ehe- und Duopartnerin Nadia Mokhtari das Musikfest mit einem vierhändig gespielten Klavierabend beendete.

„Dass zum Auftakt des Musikfestes sogar die international gefeierte Pianistin Elisabeth Leonskaja nach Gesmold gekommen ist, können wir gar nicht hoch genug wertschätzen“, erklärte Hans-Adam von Hammerstein in einem ersten kleinen Resümee über das zweite Klavierfest.

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