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Meller Historiker zieht Lehren „Freiheitsrechte nicht zu schnell aufgeben“

Von Marek Majewsky, Marek Majewsky | 01.02.2017, 18:53 Uhr

Arnd Bauerkämper ist Professor an der Freien Universität Berlin und wird im kommenden Jahr eine Gastprofessur in London antreten. Der Markendorfer beschäftigt sich aktuell mit Zivilisten in Feindstaaten im Ersten Weltkrieg. Aus seiner Arbeit lassen sich auch Rückschlüsse auf unsere heutige Gesellschaft ziehen.

Zivile Feindstaatenangehörige, das sind zum Beispiel Russen, die während des Krieges in Deutschland lebten oder auch Deutsche in Frankreich. „Damals war die Frage: Was macht man mit diesen Personen? Die Spannweite der Sicherheitsmaßnahmen reichte von bloßer Beobachtung bis hin zum Völkermord, beispielsweise an den Armeniern“, erläutert der Historiker. Schon damals musste also zwischen Sicherheitspolitik auf der einen und Freiheit beziehungsweise Humanität auf der anderen Seite abgewogen werden. Zudem bestand immer das Risiko, dass der Hass zwischen den Völkern und damit eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt werden konnte. Sobald ein Staat Maßnahmen gegen Minderheiten verhängte, wurde nach dem Prinzip „wie du mir, so ich dir“ reagiert.

Freiheit gegen Sicherheit

Dieses Prinzip funktionierte jedoch auch auf umgekehrtem Weg: „Internationale Organisationen wie das Rote Kreuz beobachteten zum Beispiel Internierungslager, dadurch kam es dann auch zur Deeskalation und zum Austausch von Gefangenen“, erzählt Bauerkämper unserer Redaktion. Durch Kommunikation und Austausch konnte so der Krieg zumindest zeitweise humaner geführt werden. Neutrale Vermittler sorgten dafür, dass Unterdrückungsmaßnahmen und die Auswirkungen des Krieges begrenzt wurden. Wie so oft, kann aus der Geschichte gelernt werden, was Bauerkämper auch begründet: „Meine Lehre wäre es, Freiheitsrechte nicht zu schnell aufzugeben. Auch nicht in Zeiten von Notständen, weil man sich letztlich den eigenen Ast absägt. Eine Missachtung nimmt Staaten heute noch mehr als im damals die Legitimität.“

Demokratie muss sich wehren

Dementsprechend sollten wir Vorsicht walten lassen, so der Professor, was die Einschränkung von demokratischen Rechten angeht. „Natürlich muss sich eine Demokratie auch wehren können und es braucht eine vernünftige Sicherheitspolitik, aber man kann lernen, dass wir nicht die Grundlagen unseres politischen Systems infrage stellen dürfen.“ Deutschland habe im Krieg solche Grundlagen infrage gestellt und davon nicht profitiert. Diese Botschaft wird er auch bald an der London School of Economics Studenten näher bringen. Neben der Gastprofessur wird er in London an seiner eigenen Forschung im Auftrag des Deutschen Historischen Instituts arbeiten.

Der überzeugte Europäer reist nicht nur selbst durch die Geschichte, sondern hilft auch seinen Schützlingen dabei, die Welt zu erkunden. An seiner Hochschule ist er mit dem Erasmus-Programm beauftragt. Das Projekt der Europäischen Union fördert Auslandsaufenthalte für Studenten. Diese Arbeit macht er auch aus Überzeugung, obwohl er betont, dass er auch immer deutsch geblieben ist. Um die Bedeutung von Europa zu verstehen und Gewalt, wie sie im Krieg eskalierte, zu vermeiden, gibt er jungen Menschen mit auf den Weg: „Lernt Euch kennen, über Reisen, das Internet und auch direkte Begegnungen. Das schafft Respekt und Empathie.“