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Lernentwicklungsberichte IGS Melle: Statt Noten ausführliche Beschreibungen

Von Kirsten Muck | 19.06.2016, 12:31 Uhr

An diesem Mittwoch gibt es Zeugnisse. Einige Schüler fürchten diesen Tag, andere wiederum sehen ihm entspannt entgegen. Denn das, was in den Zeugnissen steht, ist auch immer eine Standortbestimmung. Ob sie gerecht, fair und nachvollziehbar ist, darüber streiten sich seit jeher die Geister. Doch was wäre, wenn es gar keine Noten gäbe? Die Schüler der IGS wissen, wie das ist.

Noten waren für sie immer etwas Undurchsichtiges. Oft haben Mara Fuhrmann und Lena Kellersmann nicht verstanden, warum es auf dem Zeugnis in einem Fach eine Drei gab, obwohl die Klassenarbeit eine Zwei war. Woran es genau lag, war aus der Note nicht abzulesen. „Ich wusste nie so recht, wo ich eigentlich stehe“, erinnert sich die 15-jährige Lena Kellersmann. Dass ihre Schwäche eigentlich nur ihre Schüchternheit war und dass sie sich häufiger hätte melden und am Unterricht beteiligen müssen, das ist ihr erst in den Zeugnissen der IGS aufgefallen. Denn an der IGS gibt es von Jahrgang fünf bis acht sogenannte Lernentwicklungsberichte (LEB).

16 bis 18 Seiten

Ein Lernentwicklungsbericht zeigt für jedes Fach detailliert auf, welche Kompetenzen ein Schüler erworben hat und wie sein Arbeitsverhalten ist. Auch das Sozialverhalten wird bewertet und beschrieben. Das sind dann gut und gerne 16 bis 18 Seiten. Die Beurteilung erfolgt anhand einer Unterteilung in vier Kategorien, die vergleichbar sind mit einem Notensystem: sicher erreicht (se), überwiegend erreicht (üe), teilweise erreicht (te) und noch nicht erreicht (ne). Wer 100 bis 95 Prozent der Ziele erreicht, erhält ein se. Bei 75 bis 94 Prozent gibt es ein üe, bei 50 bis 74 Prozent ein te. Wer null bis 49 Prozent schafft, bekommt ein ne.

Detailliert aufgeschlüsselt

Ein Beispiel für das Fach Mathe: Die Kompetenzen werden detailliert aufgeschlüsselt. Ob die Schüler Dezimalbrüche addieren und subtrahieren können, wird ebenso bewertet wie die Fähigkeit, Winkel zu zeichnen und zu messen. Darüber hinaus gibt es Beurteilungen für das Arbeitsverhalten. „Du beteiligst dich aktiv am Unterricht“, „Du führst deine Mappen und Hefte sorgfältig“ oder „Du kannst selbstständig arbeiten“ steht in der Rubrik Arbeitsverhalten.

Fortschritt wird messbar

„Im Lernentwicklungsbericht sehe ich, ob ich die Themen wirklich verstanden habe“, sagt die 15-jährige Mara. „Und ich sehe, wo meine Schwächen sind, woran ich noch arbeiten muss.“ Damit der Fortschritt auch messbar wird, setzen sich Lehrer und Schüler nach der Vergabe der LEB zusammen und stellen einen Förderplan auf. Wer beispielsweise in Englisch nicht verstanden hat, wie das Simple Past gebildet wird, kann die zusätzliche Lernförderung in Anspruch nehmen. Wer seine Hefte nicht sorgfältig führt, erhält vom Lehrer Hilfestellungen und Tipps. „Ein ne möchte man nicht so gerne im LEB haben. Da kommt die Motivation, das zu ändern, von selber“, meint Mara.

System ist transparenter

„Für die Schüler ist dieses System transparenter. Ein Zensurensystem gibt diese Differenzierung nicht her“, ist Schulleiterin Marlies Brüggemann überzeugt. Außerdem hat sie beobachtet, dass die Schüler sich nicht mehr vergleichen können. Beim Notenzeugnis reicht ein Blick auf das Zeugnis des Tischnachbarn, um herauszukriegen, wo diejenige oder derjenige steht. Ein Blick in den LEB lässt einen höchstens erahnen, was der Schüler erreicht hat und was nicht – aber auch nur in einem Fach.

Noten nie vermisst

Obwohl Mara und Lena die LEB viel besser finden als die Notenzeugnisse, müssen sie im jetzigen Jahrgang neun und im kommenden zehnten Schuljahr wieder mit Noten klarkommen. Denn Abschlusszeugnisse müssen vergleichbar sein. Nur so wissen die Schüler der IGS, wo sie im Vergleich zu den Schülern anderer Schulen stehen. Doch die beiden Neuntklässlerinnen könnten gut auf die Noten verzichten, wie sie beide betonen. „Ich habe die Noten nie vermisst“, sagt Lena. „Das ist echt ein anderes Gefühl, wieder Noten zu bekommen“, ergänzt Mara, “fast wie ein Urteil.“