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Komiker im Sex-Interview Jürgen Becker: Erotisch habe ich Melle nicht überprüft

Von Michael Hengehold | 26.02.2017, 14:17 Uhr

Jürgen Becker hat den Sex entdeckt. Der kölsche Comedian mit Kabarett-Hintergrund, seit 1992 Moderator der „Mitternachtsspitzen“ auf WDR, gastiert mit „Volksbegehren“ am Freitag, 17. März, im Festsaal am Schürenkamp. Im Interview erzählt Becker, wie er zum Sex kam.

 Verzeihen Sie, aber Erotik ist jetzt nicht meine erste Assoziation zu Ihnen. Wie hat das Thema Sie angefallen? Haben Sie mit jetzt fast 60 Jahren genug Abstand dazu, um ungeniert die Wahrheit zu berichten? 

Ich beobachte ja, dass die Welt im Moment durch testosterongesteuerte Herren verunstaltet wird. Man fragt sich ja bei Donald Trump immer, ist das Rote, was an ihm runterhängt, eigentlich der Schlips oder die Zunge? Deswegen habe ich gedacht, ich beschäftige mich damit ein bisschen mehr und merke, das Thema Sexualität ist auch sehr politisch.

 Und im Alltag sehr präsent, trotzdem im gehobenen Comedy-Segment eher selten Thema. Haben Sie es deswegen bewusst gewählt, müssen Sie einfach mal was loswerden oder ist das schlicht ein Fall von ‚sex sells‘?  

Nein, überhaupt nicht. Ich habe auf Arte eine Sendung zu dem Thema gesehen und die hat mich so verblüfft, weil da so viel drin war, was ich gar nicht wusste und meine Freunde auch nicht. Da habe ich gedacht, ich muss das ganze Thema mal von vorne aufrollen.

 Was sagt denn ihre Frau dazu? Das Kind? Ist das nicht alles furchtbar peinlich, wenn Papi öffentlich über Sex spricht? 

Nein. Meine Tochter war mit ihren Freunden schon mehrfach drin. Das ist alles kein Problem.

 Sie waren früher Zeichner. Haben Sie in jungen hormongesteuerten Zeiten auch mal Erotisches zu Papier gebracht? 

Nein. Gar nicht. Ich war bei 4711 angestellt. Das Erotischste war „Mit Tosca kam die Zärtlichkeit“. Dabei ist Tosca eher ein Verhütungsmittel.

 Ihr Programmtitel lautet „Volksbegehren“ . Sehr subtil. Gibt es trotzdem Deftiges zu hören? Werden Sie Ohren erröten lassen? 

Ich bringe auf jeden Fall Werke der gesamten Weltkunst mit, die alle mit dem Thema zu tun haben. Es gibt viel zu gucken. Ich habe das Programm ja schon einige Male gespielt und auch die ältere Generation ist hochvergnügt. Denn alle großen Werke sind entstanden, weil die Menschen den Trieb abgeschaltet haben und ihren Geist zum Blitzen brachten, statt im Bett die Zeit zu verplempern.

Nehmen wir mal Sokrates . Der hatte eine Frau, die hieß Xanthippe . Das ist griechisch und heißt: „Ich habe Kopfschmerzen“. Statt Sex hat er halt viel nachgedacht und so die gesamte abendländische Philosophie begründet.

Oder Pythagoras . Sein berühmtester Satz ist a2 + b2 = c². Aber ein anderer Satz von dem ist viel wichtiger: „Die beste Zeit für fleischliche Beziehungen ist der Winter.“ Das heißt also, im Frühling, Sommer und Herbst lief nichts. Da hat er dann die Mathematik erfunden. Da sagen natürlich manche, gut, hätte er das ganze Jahr Freude im Bett gehabt, dann hätten wir in der Schule keine Dreiecke berechnen müssen.

 Wenn ich die Ankündigung zu Ihrem Programm richtig verstanden habe, werden Sie uns auch verraten, was uns sexy macht. Also bitte, was denn? 

Was uns sexy macht, ändert sich jetzt immer schneller. Die meisten Plattformen und Dating-Apps zur Partneranbahnung funktionieren nur über Fotos. Da nähern sich die Menschen den Tieren an, wo es ja nur um Äußerlichkeiten geht und nicht um innere Werte. Heute sind schlanke Menschen angesehener. Models sind zum Teil so dünn, die fallen beim Koksen in den Strohhalm. Im Barock waren üppige Frauen angesagt, Rubensfrauen.

Aber mittlerweile ist sogar in der Politik Attraktivität gefragt. Das gab es ja früher nicht. Helmut Kohl , der war nicht sexy, bei dem hatte der Bauch im Bundestag sein eigenes Überhangmandat. Heute gibt es von Obama attraktive Nacktfotos. Von Donald Trump demnächst auch. Der Russe hat die in der Schublade. Der muss die nur rausholen. Putin sowieso, der zieht sich ja immer aus. Wenn’s politisch bei dem nicht läuft, sieht man den plötzlich mit nacktem Oberkörper in der Zeitung. Und das wirkt! Was meinen Sie, was ich für eine Angst habe, dass Angela Merkel das mitkriegt.

 Als Kölner könnten Sie ja womöglich schon mal einen Schwulen getroffen haben. Ist Ihr Programm denn auch paritätisch? Gibt es zehn Prozent Gay-Witze und was ist mit Transgendern? 

Das mache ich alles auch. Wie die Homosexualität entstanden ist in der Natur, das wird auf jeden Fall beleuchtet. Das wissen die meisten gar nicht. Die denken immer, das hätte mit Erziehung zu tun, aber Hormone und vor allem Gene entscheiden darüber. Die Homosexualität wurde vor über 50 Millionen Jahren entwickelt und man beobachtet sie heute bei 1500 Arten. Bei Pinguinen in der Antarktis, Bonobos im Kongo und bei Geistlichen im Vatikan.

 Hier in der Gegend wird Nacktwandern angeboten. Wäre das was für Sie? Wir könnten da einen Kontakt herstellen. 

Kommt auf die Jahreszeit an. Ich mache ja immer Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern und da haben ja viele am Strand fast gar nichts an. Oft nur einen Lendenschurz. Bis ich gemerkt habe, das ist gar kein Lendenschurz, das ist die Fettschürze. Da gibt es Momente, da findet man eine Burka gar nicht mal so falsch.

 Da kommen wir direkt zum nächsten Punkt. Wir schämen uns unserer Körper, es sei denn wir sind im Internet, haben Sie scharfsinnig festgestellt. Welche Rolle spielen denn Internet, Smartphone und Co. in Ihrem Leben? 

Über ein Drittel des Datenverkehrs im Netz hat pornografischen Inhalt. Pro Sekunde werden in Deutschland 30 000 pornografische Filme heruntergeladen ...

 Wir reden von Statistik oder von Ihnen? 

Statistik. Zehn Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer konsumieren mindestens einmal pro Woche Pornos im Netz. Ich habe nichts gegen Pornos, da ist nichts gegen einzuwenden. Aber 70 Prozent werden an Werktagen zwischen 9 und 17 Uhr runtergeladen. Da wundert man sich doch, dass in deutschen Büros überhaupt noch gearbeitet wird. Gleitzeit bekommt ja eine ganz andere Bedeutung.

 Und wie ist es nun bei Ihnen? Ich frage Sie nicht, ob Sie Pornos runterladen, aber wie halten Sie es persönlich mit Internet, Smartphone und Co? 

Es geht ja gar nicht mehr ohne. Es kommt ja oft vor, dass die Frau abends spät nach Hause kommt und mitkriegt, der Mann ist auf einer Seite mit ekligem Inhalt. Zum Beispiel eine Website der AfD. Oder einer Pornoseite. Dann ist es nur die Frage, ob das gut ist, dass so viele Menschen Pornos im Web anschauen, vor allem Jugendliche.

Wie sieht denn ein typischer Pornoklassiker aus? Es klingelt an der Tür, die Frau macht schon halbnackt auf und davor steht ein Handwerker, der sagt: „Ich möchte ein Rohr verlegen“. Dann haben die zwei Stunden lang Sex. Dann sagt er: „Du warst super, Baby!“ Das ist doch völlig unrealistisch. Ein deutscher Handwerker bildet aus, da steht doch die ganze Zeit der Lehrling doof daneben und raucht. Und außerdem würde der am Ende nicht sagen „Du warst super, Baby“, der würde sagen: „Brauchen Sie unbedingt eine Rechnung?“

 Jürgen Beckers, auch ein Kölner, ist in seiner Rolle als Jürgen B. Hausmann schön öfter in Melle gewesen. Werden Sie gelegentlich mit ihm verwechselt oder eher er mit Ihnen? 

Das kommt schon mal vor, aber das ist nicht so schlimm. Der Jürgen Beckers ist aber aus Würselen, genau wie unser zukünftiger Kanzler. Er ist Gymnasiallehrer. Ich habe auch schon Sendungen mit ihm zusammen gemacht über Bildung.

 Waren Sie schon mal in Melle ? Können Sie etwas über die Sexyness der Meller sagen? 

In Melle war ich auch schon mal. Ist eine schöne Stadt. Erotisch habe ich das aber nicht überprüft.

 Unser Praktikant hat mich gebeten, Sie zu fragen, wie er im Alltag witziger sein kann. Können Sie da helfen? Er tut sich nämlich insbesondere bei Anzüglichkeiten noch schwer. 

Das verlangt ja einfach nur, dass man mit den Antworten und Fragen spielerisch umgeht. Dass man einfach nicht das sagt, was man macht, sondern was man machen möchte. Das hat schon Freud erkannt. Man unterdrückt seine Triebe, denn man will ja nicht, dat de Nachbarn sagen: Dat ist die Matratze von Melle. Die Triebe müssen aber raus. Und wenn es nicht zum Sex kommt, machen sie das in Humor. Die Worte Lust und lustig haben ja denselben Stamm und der Humor zeigt sich eben auch in der sogenannten Freudschen Fehlleistung – wenn man aus Versehen etwas anderes sagt, was man aber trotzdem meint. So entsteht der unfreiwillige Humor. Man will sagen „Ich geh kicken“ und sagt aus Versehen dasselbe Wort mit „f“....... Also: Kiffen. Man sagt nicht, was man macht, sondern machen möchte.

 Ja, da haben wir ja wieder etwas gelernt. Lieben Dank und alles Gute. 

Gruß an den Praktikanten. Er soll den Mut haben, falsch zu antworten. So entsteht Humor.