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Handwerk und Kunst vereinen sich Glocken für St.-Martini-Kirche in Melle-Buer gegossen

Von PM. | 22.10.2018, 08:37 Uhr

Eine 83-köpfige Delegation aus Gemeindegliedern, Spendern und Gästen hat sich am vergangenen Freitagmorgen mit einem Doppeldeckerbus auf dem Weg in die hessische Gemeinde Sinn bei Wetzlar gemacht, um in der dortigen Glocken- und Kunstgießerei Rincker dem Guss der neuen Bronzeglocken für die St.-Martini-Kirche beizuwohnen.

Das Gotteshaus soll in nächster Zeit insgesamt acht dieser Liturgischen Instrumente erhalten. Die Kosten für das Gesamtprojekt belaufen sich auf rund 170000 Euro, die weitgehend aus Spenden aufgebracht werden.

Die vom Kirchenvorstand der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde mit dem Glockenprojekt beauftragte Glockengruppe hatte die Fahrt organisiert und freute sich über den großen Zuspruch. Dem Zitat des Dichters Matthias Claudius zufolge „Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen“, können die Bueraner Glockenfreunde von dieser Fahrt, auf der so mancher Choral angestimmt wurde, ein Lied singen. Und zu Beginn des ereignisreichen Tage sprach Pastor Ingo Krahn zunächst gegen 6.30 Uhr einen Reisesegen.

Liturgische Instrumente

Von einem historischen Tag für die St.-Martini-Gemeinde war die Rede, denn üblicherweise wird ein Glockenguss für das eigene Gotteshaus erst wieder in 300 Jahren stattfinden. Somit war allen Beteiligten klar, einen solchen Tag nicht mehr erleben zu können. Die Liturgischen Musikinstrumente werden in Zukunft mit einem strahlenden E-Dur-Motiv passend zum himmelwärts strebenden Glockenturm den neuen Klang des Grönegaudorfes darstellen. Projektinitiator Matthias Breitenkamp erklärte: „Ein stille Kirche ohne Glocken ist wie Kuchen ohne Zucker.“ Medial wurde das Ereignis von Pressevertretern, Kirchenfunk und einem NDR-Fernsehteam begleitet.

Bei Ankunft der Bueraner Reisegruppe in der Glocken- und Kunstgießerei Rincker – mit 428 Jahren einer der ältesten Fachbetriebe dieser Art in Deutschland – konnten zunächst fertige, vor sechs Wochen gegossene Kirchenglocken, für eine Kirche im Sauerland begutachtet werden. Aus der Gießerei, in der später alle Anwesenden dem Ereignis rund um die Glockengrube beiwohnen konnten, bullerte unentwegt der mit 600 Litern Heizöl für diesen Gusstag befeuerte Ofen. In ihm wurden seit 5 Uhr morgens das für eine Bronzeglocke verwendete Kupfer (78 Prozent) und später das sensiblere und hochwertige Zinn (22 Prozent) nach und nach auf 1100 Grad erhitzt und somit zur Glockenspeise geschmolzen. Knapp vier Tonnen Glockenbronze galt es für das Geläut vorzubereiten. Sechs der acht zukünftigen Glocken wurden am Freitagnachmittag gegossen. Die zwei kleinsten Glocken sollen in Kürze bei noch höherer Temperatur nachproduziert werden und schließlich im November fertig gestellt sein.

Mehrfach prüfte der erfahrene Glockengießermeister Hanns Martin Rincker die Gusstemperatur und die Beschaffenheit des glühenden Metalls. Erst als die Masse mit rund einstündiger Verzögerung gegen 15.00 Uhr die Temperatur von notwendigen 1100 Grad erreicht hatte, wurde nochmals kräftig mit einem langen Fichtenstamm durchgerührt und die Schlacke abgezogen. Schnell wurde der Ofen abgestellt und die Glockengießer nahmen ihren Platz in der Glockengrube ein.

Wie ein Lavastrom

Um absolute Ruhe bat der Gießermeister, um den Produktionsvorgang nicht zu stören. Pastor Ingo Krahn sprach ein Segensgebet für das Gelingen des Glockengusses, zur Bewahrung des Hauses und den Dank für alle, die dazu beitrugen, dieses Ereignis möglich zu machen. „So lasst uns im Namen Gottes gießen“, rief Hanns Martin Rincker seinen Mitarbeitern zu. Und schnell ergoss sich die Glockenspeise als glühender orangefarbener Schwall durch die Gussrinnen. Wie ein Lavastrom lief die Bronze unter der Leitung des Firmenchefs nach und nach in die Öffnungen der Formen. Unter lautem Gurgeln, Schmatzen und Zischen verschwand sie in der Erde. Flammen loderten aus den Windpfeifen (Entlüftungen) der tief eingegrabenen Glockenformen. Dabei stieg beißender, nach Metall riechender Rauch bei in Ofennähe beinahe unerträglicher Hitze auf.

Schweißtreibende Arbeit

Fachkompetent und unterhaltsam erzählte Hanns Martin Rincker nach kurzer Erholung von der schweißtreibenden Arbeit über das Gewerk des Glockenbauers. Das Gießen einer Glocke ist Handwerk und Kunst zugleich betone der Firmenchef. Alle Glocken werden hier noch im Lehm-Form-Verfahren hergestellt. Die Basis der Herstellung bildet die Rippe, eine Schablone der Glocke. Mit ihrer Hilfe wird über einem gemauerten Sockel die Form aus Lehm modelliert. Diese besteht aus drei Schichten: Dem Glockenkern, der falschen Glocke und dem Mantel. Die sogenannte falsche Glocke wird vor dem Guss entfernt und der zurückbleibende Hohlraum wird mit Bronze ausgefüllt.

Ob der Glockenguss für Buer in Beschaffenheit, Form und Ton wirklich gelungen ist, wird der Kirchengemeinde erst in zwei Wochen mitgeteilt. Dann werden die Glocken ausgegraben, gereinigt und einer ersten Prüfung unterzogen sein.

Die Reisegruppe machte sich nach einer Kaffeepause mit den einzigartigen Eindrücken des Tages wieder auf den Heimweg. Gegen 21 Uhr wurde die Gemeindefahrt mit dem Abendlied des eingangs zitierten Kirchenlied-Dichters Matthias Claudius im Bus abgeschlossen: „Der Mond ist aufgegangen...“