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Ein Besuch Obdachlose finden im Winter Zuflucht am Meller Engelgarten

Von Marita Kammeier | 25.12.2014, 11:00 Uhr

Was machen Obdachlose an den Weihnachtsfeiertagen? Während Deutsche laut Statistik im Durchschnitt fast 600 Euro für Geschenke ausgeben, gibt es Menschen, die ganz andere Probleme haben. Sie sind das ganze Jahr unterwegs, denn sie haben keine Wohnung, und ihre sozialen Netzwerke sind auf der Straße.

Ein Blick in die Übernachtungsstelle am Engelgarten mit vier Betten ergab: Ein Reisender hatte sein Gepäck bereits frühmorgens abgestellt, und ein weiterer war auf dem Weg. „Vermutlich werden noch einige bis zum Abend eintreffen“, meinte Christian Woelki von der Wohnungslosenhilfe der Diakonie. „Seit Anfang Dezember ist der Rastplatz auch nachmittags von 13.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet.“

In der Regel werden drei Nächte Unterkunft gewährt. Danach heißt es, um 13 Uhr weiterziehen zu Fuß oder, falls noch Geld vorhanden ist, mit Bus oder Bahn. Pro Tag erhalten die Nichtsesshaften nach der Hartz-IV-Regelung 13 Euro.

In der Schuldenfalle

„Über Weihnachten dürfen sie jedoch länger bleiben und müssen das Haus erst am Montagmittag verlassen“, sagt die Leiterin Anette Kaiser. Diese Ruhepause zum Duschen, Wäschewaschen, Kochen und Reden sei notwendig. Das harte Leben auf der Straße sei geprägt von ständiger Unsicherheit, Krankheit, Gefahr, Gewalt und Einsamkeit.

Die Szene werde seit der Hartz-IV-Reform mit einer zunehmenden Zahl an 18-Jährigen immer jünger, wie die Sozialarbeiterin beobachtete. „Je länger sie draußen leben, desto härter wird es, und nicht alle halten das aus.“ Das absolute Limit sei 70 Jahre. Viele würden jedoch früher die sogenannte Freiheit des Reisens aufgeben, um sesshaft zu werden und nicht auf der Straße zu sterben.

Einer, der die Szene beobachtete und Verständnis zeigt, ist Uwe Jürgens. „Zum Glück war ich nie selbst obdachlos, aber bei mir ist auch einiges im Leben schiefgegangen“, erzählt der gebürtige Bünder. Seine Leidensgeschichte begann schon als Jugendlicher, denn die Mutter starb viel zu früh im Meller Krankenhaus.

Nach einem Bandscheibenvorfall verlor Jürgens die Tätigkeit in der Küchenmöbelfabrik und geriet anschließend in die Schuldenfalle. In der Herforder Diakonie half er in der Küche aus.

„Dann war ich zehn Jahre unterwegs, habe in einer Drückerkolonne gearbeitet, und Alkohol kam ins Spiel“, erinnert sich der 44-Jährige. „Ich stand in Wilhelmshaven am Bahnhof und wusste nicht, wo ich übernachten kann.“

Das war der Punkt, als Uwe Jürgens sich aufrappelte: „Ich muss zurück nach Melle, weil ich dort alles kenne.“ Er nahm die Hilfe der Diakonie in Anspruch und begann eine Therapie. Als Anette Kaiser ihn fragte: „Uwe, was wünschst du dir?“, antwortete er: „Eine eigene Wohnung und nette Nachbarn.“ Die Wünsche wurden erfüllt, und morgen feiert er seinen Geburtstag.