Ein Artikel der Redaktion

Das Festsaal-Mosaik in Melle „Diese Karte gibt Denkanstöße“

07.07.2014, 18:20 Uhr

Kulturräume wie der Grönegau sind voller Spuren der Vergangenheit. Liest man sie, dann öffnen sich Wege zum Verständnis geistiger Strömungen und ihrer materiellen Umsetzungen in der jeweiligen Epoche. Auf eine solche Spur ist man mit der Wiederentdeckung der Deutschlandkarte im Foyer des Festsaals am Schürenkamp gestoßen.

Botschaft und Funktion

Obwohl sie nie den Blicken entzogen war, gibt sie plötzlich Anstöße, Denkanstöße. Diese als Mosaik gestaltete Karte sollte eine Botschaft senden, und sie hatte in der jungen Bundesrepublik Deutschland eine Funktion. Den Bestimmungen des Völkerrechts bezogen auf Deutschland als Ganzes und dem grundgesetzlich verankerten Gebot der friedlichen Wiedervereinigung entsprechend galt es die Vorstellung in Deutschland in seinen Grenzen von 1937 aufrecht zu erhalten. Dass der Künstler in seinem Mosaik dafür das geteilte Deutschland als Motiv wählte, verkehrte allerdings insofern die Wirksamkeit der Botschaft, als gerade die Teilung und nicht die deutsche Einheit in den Blickpunkt rückte und sich in den Köpfen der Betrachter festsetzte.

Politische Bildung

Die Funktion dieser Karte bestand in ihrem Beitrag zur politischen Bildung. In der „Bonner Republik“ war die Identifizierung mit Deutschland in seinen Vorkriegsgrenzen ein Erziehungsziel nicht nur für den Unterricht in Geschichte und Geographie, sondern für den allgemeinbildenden Unterricht insgesamt wie auch für die gesellschaftliche Bewusstseinsbildung. Deswegen ist der Standort dieser Karte nicht zufällig: sowohl Schüler als auch Besucher des Festsaals sollten täglich bzw. bei Veranstaltungen visuell mit dieser Botschaft erreicht werden.

Zone und „DDR“

Die Unteilbarkeit von Deutschland als Grundsatz der westdeutschen Staatsräson und als Bildungsinhalt führte allerdings zu Problemen im Sprechen über Deutschland. So wurde in der Bundesrepublik Deutschland für das Gebiet der DDR zunächst die Bezeichnung SBZ (Sowjetisch besetzte Zone, umgangssprachlich: die Zone) verwendet; erst später trug man verbal der Eigenständigkeit der DDR Rechnung, indem man sie als „DDR“ bezeichnete.

BRD war verboten

Eine Verwendung dieses Kürzels im Unterricht ohne Anführungszeichen war lange Zeit ebenso verboten wie die Verwendung des Namens BRD; die korrekte Bezeichnung musste BR Deutschland lauten, damit auch sprachlich die Auffassung der DDR von der Existenz zweier deutscher Staaten nicht geteilt wurde.

Die östlichen Gebiete des (ehemaligen) Deutschen Reiches waren als „zur Zeit unter polnischer Verwaltung“ bzw. „zur Zeit unter sowjetischer Verwaltung“ zu bezeichnen. Aus Sicht der DDR gab es nicht nur zwei deutsche Staaten, sondern es gab einerseits „Westberlin“ als „selbständige politische Einheit“ und „Berlin, Hauptstadt der DDR“, während für die BR Deutschland Berlin als Einheit mit ihren Teilen „Berlin (West)“ und „Berlin (Ost)“ fortbestand.

Schaut man in Schulatlanten – etwa aus den Jahren 1910, 1944, 1964 oder 1974 (!) – dann findet man nicht nur den Eintrag der alten deutschen Reichsgrenzen; Norddeutschland reichte in allen Ausgaben von Aachen bis Ostpreußen. Dieser angesichts der staatlichen Realitäten aufrechterhaltenen sprachlich umgesetzten Fiktion von Gesamtdeutschland stand ein Bewusstseinswandel in der westdeutschen Bevölkerung gegenüber: als Norddeutschland empfand man zunehmend Niedersachsen sowie Schleswig-Holstein zusammen mit den beiden Stadtstaaten Bremen und Hamburg.Aus dem mittleren Norddeutschland und Mitteldeutschland wurde allmählich Ostdeutschland, das begrifflich mit der DDR gleichgesetzt wurde.

Frage der Sichtweise

Daraus resultieren bis heute Probleme, wenn wir beispielsweise über die Regionen in Deutschland sprechen. Nach wie vor fühlen sich etwa die Bewohner von Leipzig oder Halle/Saale als Mitteldeutsche. Hinter den Buchstaben MDR verbirgt sich der Mitteldeutsche Rundfunk. Wenn ein Bewohner der Region zwischen Harz und Erzgebirge von seiner Heimat Mitteldeutschland spricht, dann lebt er aus westdeutscher Sicht in Ostdeutschland. Was jemand, der von Mitteldeutschland redet, unter Ostdeutschland versteht, sei nur als Frage gestellt.

In mentaler Ferne

Doch die vorübergehende Teilung Deutschland durch den Eisernen Vorhang hat sprachlich zu weiteren Folgen geführt. Wenn aus der DDR heute Ostdeutschland geworden ist, dann sind Staaten wie Polen, Tschechien oder Ungarn in ein mentale Ferne gerückt. Deswegen werden sie vermehrt Osteuropa zugeordnet, obwohl sie regional und kulturell in Mitteleuropa liegen.

Grenzen der Sprache

Somit schuf und schafft das Sprechen über Deutschland und Europa jenseits von Realitäten Bilder oder Modelle davon; was der Philosoph Ludwig Wittgenstein 1921 als These formuliert hat, nämlich dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten, erfuhr später eine neue Bedeutung, die heute wieder in der Meller Karte zu einer Diskussion führt.