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Bundes-Jogi als Pappkamerad Wie Meller Leistungssportler das WM-Finale erleben

14.07.2014, 15:41 Uhr

axro Gesmold. Dieses Publikum kennt sportlichen Druck aus eigener Erfahrung. Zum Endspiel hat Christoph Chrzanowski die Grönegauer Tischtennis-Elite in sein Gesmolder WM-Studio geladen.

Die meisten seiner Gäste sind Leistungssportler und spielen für den SV Oldendorf in der Oberliga oder auf Verbandsebene. Jana Knappmeier, die für den SVO bei der Deutschen Meisterschaft kämpfte, meint: „Wenn die ersten fünf Minuten vorbei sind, dann läuft alles von allein. Das wird auch gleich bei der DFB-Elf so sein.“

Seit 2010 veranstaltet Chrzanowski mit Martha Schimweg zu jedem großen Turnier ein privates Public Viewing im Gartenhäuschen. Die 74-Jährige ist Großmutter seiner Frau Katja und hat als Gastgeberin einen privilegierten Sitzplatz in der ersten Reihe mit eigenem Tischchen für Erfrischungen.

Die Besucher hier sind Stammgäste, weil die Stimmung gut und die Getränke immer kalt sind. Günter Seelhöfer ist erst zum dritten Mal dabei. „Ein echter Gewinn“, lacht Chrzanowski, „der ist Tenor im Männergesangverein und hat uns bei der Nationalhymne nach vorn gebracht“. Joachim Löw hängt als lebensgroßer Pappkamerad an der Wand. Die Figur hat Chrzanowski aus der Werbemasse eines Reiseveranstalters erhalten.

So haben die Menschen in Melle den WM-Titel gefeiert.

Zum Anstoß sind 25 Gäste eingetrudelt. Die Luft wird dicker, und bei jedem Ballkontakt von Lionel Messi strömt in der engen Gartenhütte mehr Angstschweiß aus. Fenster bleiben zu, weil nebenan Gänse, Hühner und Enten für andere Düfte sorgen. Zumindest werden die Körpergerüche der Zuschauer zeitweise neutralisiert, denn André Zerbe packt ab der 22. Minute sein mitgebrachtes Gyros mit doppelter Portion Tzatziki aus.

In Minute 30 der Schock. Higuain macht das 1:0 für Argentinien. ARD-Kommentator Tom Bartels ruft sofort „Abseits“. Die Besucher in Gesmold danken ihm und stimmen an: „Melles bester Mann. Melles bester Mann.“ Überhaupt wird der Ex-TuRaner am Mikrofon hier viel gelobt. „Tom redet keinen Quatsch. Was der sagt hat Hand und Fuß“, meint Gastgeber-Bruder Thomas Chrzanowski, „Heribert Faßbender hätte von ‚Chancen hüben und drüben’ gefaselt“.

Zur Verlängerung muss Katja Chrzanowski die Ladestation fürs Babyphone holen. Tochter Zoe ist sechs Monate alt. Vater Christoph war bis zum Viertelfinale in Elternzeit und konnte so auch die WM-Spiele um Mitternacht genießen. Sauer war er nur, dass sein „Klose“-Trikot erst zum dritten Gruppenspiel ankam. „Der Versender hatte beim ersten Versuch die Nummer und Schriftzug nur beigelegt aber nicht aufgedruckt. Ich bügele das Ding doch nicht selbst auf.“

Die Sorgen kommen erst in der 113. Minute zurück, als Mario Götze die Führung erzielt . Alle Gäste toben und taumeln. Klare Ansage: „Bitte nicht die Pappfigur von Jogi Löw beschädigen. Der kommt auch nicht mit zur Feier auf den Meller Marktplatz.“

Nach der Pokalübergabe von Rio stehen die Besucher in Gesmold am Sparschwein. Der Finanzbeamte Chrzanowski hat es an der Theke aufgestellt, um die Getränke bezahlen zu lassen. Er weiß: Das Beamtenjäckchen sitzt eng, aber es wärmt. Muss er diese Form des Kostenbeitrags versteuern? „Nein. Ich habe ja keine Gewinnerzielungsabsicht“, erklärt der Oberinspektor, „im Amtsdeutsch läuft unser WM-Studio als ‚Liebhaberei’“.