Auftakt mit starken Darstellern Kulturring Melle eröffnet die Spielsaison

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Das Thema Demenz steht im Mittelpunkt des Stücks „Vater“, das der Kulturring Melle am Donnerstag im Festsaal am Schürenkamp aufgeführt hat. Symbolfoto: dpaDas Thema Demenz steht im Mittelpunkt des Stücks „Vater“, das der Kulturring Melle am Donnerstag im Festsaal am Schürenkamp aufgeführt hat. Symbolfoto: dpa

Melle. Ernst, aber nicht ohne Humor; zutiefst bewegend, aber nicht ohne Leichtigkeit; und über allem getragen von einer grandiosen schauspielerischen Leistung: So startete die neue Spielzeit des Kulturrings im Festsaal.

Das Thema ist aktueller denn je. Und nicht wenige Autoren haben sich seiner bereits angenommen. Doch wo sie demenzielle Erkrankungen wie Alzheimer aus der Sicht des Umfeldes schildern, wagt sich der französische Erfolgsautor Florian Zeller mit „Vater“ auf einen anderen Weg. Denn sein Stück nimmt die Zuschauer mit großer dramaturgischer Konsequenz mitten hinein in eine bröckelnde Welt.

Irgendetwas stimmt nicht

„Irgendetwas stimmt nicht.“ André und mit ihm der Zuschauer sieht es, spürt es. Die Tochter verstrickt sich in Widersprüche, Möbel wechseln ihre Plätze, Fremde tauchen in der Wohnung auf und verschwinden wieder. An ihm kann es nicht liegen. Ihm geht es doch gut. Sogar die Beine machen noch mit, als er seiner Pflegerin – die braucht er eigentlich gar nicht, aber da sie so nett ist, sieht er über die unnötige Sorge seiner Tochter hinweg – einen Stepptanz vorführt. Also was passiert um ihn herum?

Ernst-Wilhelm Lenk spielt den alten Herrn, der sich langsam, aber unaufhaltsam verliert. Die ersten Blätter fallen noch still, fast unbemerkt. Hier ein leichtes Stirnrunzeln, dort eine natürlich wirkende Sprechpause, um nach dem verlorenen Wort zu suchen: Alzheimer schleicht sich an wie der Herbst. Doch bald schon rüttelt der Sturm kräftiger an den Ästen. Und die Verwirrung, die zunehmende Fremdheit im eigenen Leben und damit auch die Halt- und Hilflosigkeit brechen sich mit unvermittelten Wutausbrüchen Bahn.

Blätter gehen verloren

„Ich hab‘ das Gefühl, dass ich alle meine Blätter verliere – eins nach dem anderen“, gesteht André in einem seltenen Moment bewegender Klarheit. Bis dahin ist es ein langer und auch schmerzhafter Weg. Anfangs vermag er noch, das Fallen der Blätter vor seiner Umwelt und auch vor sich selbst zu verbergen. Doch immer häufiger verschwimmen die Grenzen von Vergangenheit und Gegenwart, von Wahn und Wirklichkeit.

Da spricht André mit seiner Tochter Ann (Irene Christ) über ihren bevorstehenden Umzug nach England. Und nur Minuten später will sie davon nichts gesagt haben. Mehr noch: Sie selbst sieht plötzlich ganz anders aus (Maja Müller). Und wieso hat sie in einem Moment ein Huhn in der Hand, nur um im nächsten nichts mehr davon zu wissen? Für Irene und ihren Freund Pierre (Benjamin Kernen) wird die Erkrankung des Vaters zunehmend zu einer emotionalen Belastung, unter der auch ihre Beziehung leidet.

Sprachlosigkeit

Die eigene Hilflosigkeit, die Schuldgefühle, wenn der Gedanke an ein Pflegeheim Raum greift, die Sprachlosigkeit, weil das Thema Alzheimer alle anderen Gesprächsthemen verdrängt: Sie werden plötzlich auch für jene spürbar, die nicht in der eigenen Familie betroffen sind. Doch es gibt auch die heiteren Momente – jene, in denen André mit der Tochter scherzt oder charmant mit der Pflegerin schäkert, Momente der Vertrautheit.

Tragikomödie überschreibt Florian Zeller sein Stück. Es gehört zu den großen Leistungen des herausragend agierenden Ensembles, dass dabei die Tragik nie zu schwer und die Komik nie lächerlich wirkt. Das Ergebnis ist ein starkes zugleich schweres und leichtes Stück, das nachhaltig bewegt und das Verständnis weckt für eine Erkrankung, die noch immer Rätsel aufgibt. Ein Stück, das mehr ist als „nur“ Theater.


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