Ein Stern, der deinen Namen trägt? Warum Melles Sternwartenbetreiber Verliebten ihre Illusionen lässt

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Melle. Die Expo-Sternwarte in Melle-Oberholsten ermöglicht fantastische Blicke ins Weltall. Bernd Schröter, Geschäftsführer der Trägergesellschaft, untermalt Besucherabende zudem mit fachkundigen Informationen. Im Interview im Rahmen unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht der 57-Jährige aber auch über Außerirdische, Liegestühle und Verliebte, die er auf Wolke 7 lässt.

Herr Schröter, was steht in Ihrem heutigen Horoskop?

Das habe ich nicht gelesen. Ich halte Horoskope für Humbug. Sie stammen aus einer Zeit, als Sterndeuterei betrieben wurde, aber keine ernsthafte Wissenschaft.

Seit wann interessieren Sie sich für Astronomie?

Ich bin mit meiner Mutter als Sechsjähriger spazieren gegangen und sie erklärte fälschlicherweise, dass es Sterne nur im Winter gebe. Ich habe mich dann gefragt, warum nicht im Sommer? Noch als Kind habe ich mir von meinem Taschengeld dann Bücher gekauft. Und so fing das an.

Wie vorgebildet sind die Besucher in der Meller Sternwarte?

Völlig unterschiedlich. Das sind teilweise Familien, die eine Alternative zum Zoo suchen. Aber es kommen auch Amateur-Astronomen von weit her, um mal mit einem Meter-Spiegel zu beobachten. Letztlich sind alle erstaunt, was sie bei uns geboten bekommen.

Die Größe des Teleskops ist also das entscheidende?

Das wichtige beim Fernrohr ist nicht die Vergrößerung, sondern der Durchmesser des Spiegels. Je größer der Spiegel, desto höher die Auflösung, desto mehr Details der Himmelsobjekte werden sichtbar. Die Licht sammelnde Fläche ist auch entscheidend, ob wir ein Objekt in Farbe sehen können. Mit unserem Gerät wird so viel Licht gesammelt, dass dieses bei vielen Objekten schon der Fall ist.

Die Größe des Meller Teleskops ist also außergewöhnlich?

Ja, wir sind der beste Astronomie-Beobachtungspunkt in der Bundesrepublik, der für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Neben der Größe des Fernrohrs gibt es dafür zusätzliche Gründe. Da ist der dunkle Standort in Oberholsten zu nennen. Zudem können sich wegen der Thermodynamik des Gebäudes warme und kalte Luftmassen nicht so gut mischen.

Wie störungsanfällig ist das Meller Teleskop?

Minimal. Die einzige Störung hatten wir kurz nach dem Bau, weil das zunächst verwendete Getriebeöl für höhere Betriebstemperaturen ausgelegt war und im Winter bei fallenden Temperaturen immer zähflüssiger wurde. Seitdem wir es gegen Leichtlauföl ausgetauscht haben, läuft alles wunderbar.

Gibt es Ideen, den Standort auszubauen?

Einen Sternen-Erlebnispark à la Disney? Nein, das nicht. Gewerbsmäßig wollen wir die Sternwarte nicht betreiben. So, wie es jetzt ist, soll es bleiben.

Was schauen Sie sich am liebsten am Himmel an?

Jeder Besucherabend ist anders. Es kommt aufs Wetter an. Wie ist die Durchsicht, wie ist die Atmosphäre geschichtet? Es sind nicht so viele Nächte im Jahr, wo beides wirklich klasse ist. Aber wenn, dann kommt die Güte des Gerätes wirklich voll zum Tragen. Dann sieht alles traumhaft aus. Von planetarischen Nebeln über Kugelsternhaufen bis zu den Wirbelstürmen auf dem Jupiter. Faszinierend. Selbst der lapidare Mond ist mit seinen Krater-Strukturen eine tolle Sache. Wir haben quasi einen Blick wie aus einer Apollo-Kapsel – auch wenn wir die Flagge der Amerikaner nicht sehen können. Mitunter schweben unsere Besucher wie auf einer Wolke wieder nach Hause. Das sind dann Erfolgserlebnisse und befeuern meine Motivation.

Welches nachdenkliche Ereignis hatten Sie mal mit Besuchern?

Die Waldorfschule war da. Das Fernrohr und die Beamervorträge interessierte gar nicht so sehr, ich sollte vielmehr Sternengeschichten und Sternanekdoten erzählen. Das war eher bedrückend, fast schon traurig. Manche Amateurastronomen hingegen, die ja teilweise von weit her kommen, waren total begeistert, andere dafür total frustriert.

Frustriert?

Die fragten sich dann: Warum soll ich jetzt noch zu Hause durch mein Fernrohr gucken? Zuhause geht es eben nicht so wie hier.

Wie viele Besucher kommen pro Jahr?

Um die 1000. Und das konstant. Interessierte können sich auf unserer Homepage über allgemeine Beobachtungstermine sowie Privatführungen informieren. Neben dem Beobachten mit den Fernrohren beantworten wir natürlich viele Fragen und geben auch Tipps.

Haben Sie eine Empfehlung für Astronomie-Einsteiger?

Einen Liegestuhl. Man nehme sich ein Auto, einen Liegestuhl und fahre dorthin, wo es richtig dunkel ist. Dann lege man sich hin und nehme einen Feldstecher, um sich einfach den Himmel anzuschauen. Faszinierend, was man allein dadurch schon sehen kann, wenn man das städtische Umfeld verlässt und damit auch die Lichtglocke, die sich durch die in der Feuchtigkeit der Luft reflektierenden Lichter ergibt und wie eine Mattscheibe wirkt. Wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Eine solche Adaption dauert etwa eine halbe Stunde. Wer sich dann in einer mondlosen Nacht in einen Liegestuhl setzt, sieht bereits wunderschön die Milchstraße, in ihr enthaltende Staubwolken, diverse Sternhaufen, sowie Satelliten, vielleicht auch eine Sternschnuppe.

Haben Sie schon einmal eine gesehen?

Wir haben sogar eine in der Sternwarte. Unser kleiner Nickel-Eisen-Meteorit. Der stammt aus Russland, ist dort im Jahr 1947 runtergekommen. Das ist ein beeindruckendes Objekt, das aus dem Weltall stammt. Es ist ja doch eher selten, dass man einen Meteoriten mal in den eigenen Händen halten kann.

Verkaufen Sie auch Sterne?

Sternkäufe, Sterntaufen oder Sternpartnerschaften sehe ich mit sehr gemischten Gefühlen. Viele wollen sich damit bereichern. Manche Sternwarten machen so etwas. Auch wir könnten mit Sternenverkäufen einen Haufen Geld verdienen, aber wir machen es nicht.

Warum nicht?

Es ist einfach unseriös. Zwar kommen auch zu uns viele Interessierte, die einen Stern kaufen wollen. Aber dann informiere ich sie eben. Die Leute gehen in den meisten Fällen davon aus, dass sie sich im Weltall verewigen, dass ihr Stern ihren Namen trägt für alle Zeiten – wie in diesem wunderschönen Lied, das auf jeder Party läuft. Sterne haben aber Katalognummern, die können gar nicht namentlich verkauft werden. Sonst könnte ich genauso gut eine schöne Kumuluswolke verkaufen, heute besonders weiß. Das wäre genauso seriös. Man kann nur das verkaufen, was einem juristisch gehört. Sterne gehören aber niemandem.

Und wenn Leute schon den Namen für einen Stern gekauft haben?

Dann ist das Kind schon in den Brunnen oder vielmehr der Stern vom Himmel gefallen. Diese Leute kommen dann manchmal mit einer schön verzierten Urkunde zu uns. Dann mache ich das Spiel auch mit, wenn sie die Koordinaten des Sterns haben. Dann können wir ihn uns mit dem Teleskop angucken. Dabei habe ich schon die romantischsten Sachen erlebt. Gerade Doppelsterne bei Verliebten – wunderschön zu verschenken. Immer und ewig kreisen sie umeinander. Und wenn dann beide sich den Stern angucken, knuddeln sie sich vor dem Fernrohr. Dann lasse ich sie natürlich auch knuddeln. Warum sollte ich sie dann von Wolke 7 herunterholen?

Haben Sie schon einmal neue Himmelskörper entdeckt?

Nein, das noch nicht. Dafür müssten wir fotografisch tätig sein und bestimmte Suchprogramme nutzen, um Aufnahmen gleicher Himmelsfelder abzugleichen. So ein Programm starten wir hier allerdings nicht.

Würden Sie gerne mal in den Weltraum fliegen?

Das hätte mal was. Aber 30 Millionen Euro gebe ich nicht dafür aus. Erstens habe sie noch nicht. Und zweitens stelle ich es mir auch reichlich strapaziös vor. Nicht beim Raketenstart; das ist ja wie Gesmolder Kirmes. Aber das Essen und Toilettengänge dürften auf einer Raumstation nicht so lustig sein.

Denken Sie, dass es Außerirdische gibt?

Gibt? Es wimmelt vor Außerirdischen. Die Frage lautet nur: Wo sind sie und wie sind sie? Vielleicht in unserem Sonnensystem versteckt unter den Eismonden des Jupiters oder Saturns, ganz bestimmt in unserer Galaxie. Die Naturgesetzte sind überall gleich. Dort, wo das Leben eine Chance hat, da wird es sie auch ergreifen. Mittlerweile wurden mehr als 1000 Exoplaneten entdeckt – und täglich werden es mehr.

Wie intelligent sind die Aliens?

Darüber kann man nur spekulieren. Höheres Leben auf der Erde gibt es seit etwa 500.000 Jahren, Hightech aber erst seit Jahrzehnten. Andere Zivilisationen, die Hightech entwickelt haben, werden sicherlich sehr selten sein. Vielleicht einige Hundert oder Tausend. Das Problem sind die großen Entfernungen. Persönlich finde ich es aber nicht schade, dass sie ein bisschen weiter weg sind, denn ich möchte auch keinen Außerirdischen kennenlernen. Denn wenn die kommen, dann nicht, um Bodenproben zu entnehmen. Wenn die kommen, wollen die auch siedeln. Sonst wäre der Aufwand ja viel zu groß. Nicht dass es uns so geht wie den Indianern bei der Entdeckung Amerikas.

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Die Expo-Sternwarte steht in Melle-Oberholsten. Foto: Karsten Grosser


Expo-Sternwarte Melle

Im Juni 2000 wurde in Melle-Oberholsten die Expo-Sternwarte Melle eröffnet. Das Fernrohr mit einem Newton-Reflektor von 1,12 Meter Spiegeldurchmesser ist nach Angaben der Trägergesellschaft das weltgrößte Newtonteleskop, das für öffentliche Beobachtungen zur Verfügung steht. Besucher können an angekündigten Beobachtungsabenden teilnehmen oder auch Termine außer der Reihe buchen.

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