Musizierte „Freiräume“ Letztes Eröffnungskonzert der Landes-Musiktage in Melle

Von Conny Rutsch

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Melle. Es endete, wie es begann. Auf sehr hohem Niveau präsentierten Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie das letzte Konzert mit dem Titel „Freiräume“ des Eröffnungswochenendes der 31. Niedersächsischen Musiktage in der St. Matthäuskirche in Melle am Sonntagnachmittag.

Was da auf die mehr als 600 Konzertbesucher zukommen sollte, war vom ersten Ton an klar. Der erklang aber nicht von der Bühne im Altarraum, sondern von hinten am Eingang zum alten Kirchenschiff: ein klassisches Hornsignal leitete die Air für Solohorn des zeitgenössischen Komponisten Jörg Widmann ein. Und dann zeigte Hornist Ivo Dudler, was ein Spezialist auf einem Waldhorn zu spielen im Stande ist. Allein die höchsten Tonbereiche sehr leise zu spielen, ist eine große Musizierkunst, und die unterschiedlichen Stopfarten des Schallloches, um besondere Klangeffekte zu erzielen, ebenso wie das Einsetzen der Doppelzunge oder das gleichzeitige Singen, um eine Zweistimmigkeit zu erzeugen, meisterte der Hornist fantastisch.

Hörherausforderung

Mehr um das Erzielen von Klangeffekten als um jedenfalls durchhörbare Komponiertechnik geht es Widmann möglicherweise überhaupt in seinen Kompositionen, was sich als Hörherausforderung für den ungeübteren Konzertbesucher herausstellte.

Im Oktett für Klarinette, Horn, Fagott, zwei Violinen, Viola, Celle und Kontrabass mussten die Musiker einen Riesenspagat hinlegen zwischen kleinsten Passagen, die an romantische Harmonien erinnerten und all dem, was ihre Instrumente an Klängen sonst noch hergeben. Diverse Stricharten wie Ricochet, bei dem der Bogen mehrmals auf die Saite prallt oder das Hervorrufen eines auf die Saite Hämmerns, wenn der Bogen druckvoll auf der Saite liegt und angestrichen wird, kamen zum Einsatz. Auch die hölzerne Saite der Bögen wurde zum Spiel genutzt, col-legno-Technik genannt. Besonders eindrucksvoll kamen die Übergaben desselben Tons an ein anderes Instrument, völlig übergangslos und so ganz kurz Verwirrung stiftend, weil das Ohr den Klang des neu einsetzenden Instruments erst filtern musste.

Höchstes Spielniveau

Der Komponist nimmt sich in seiner Kompositionstechnik tatsächlich „Freiräume“, soll heißen: weder das Erkennen irgendeiner Art von melodischem Zusammenhang noch eine strukturelle Einordnung der Musik ist dem Zuhörer möglich. Der Musikererfahrene wird mutmaßen, dass es eine der für deutsche zeitgenössische Komponisten typische Neuerfindung der Neuen Musik ist, der atonalen Wiener Schule vielleicht.

Für die Herzen der Zuhörer wurde es mit den Märchenbildern von Robert Schumann für Viola und Klavier dann versöhnlich romantisch. Und hier konnte auch der nicht so versierte Konzertbesucher aufs Feinste hören, wie die beiden Musikerinnen miteinander musizierten, sich zuhörend, musikalische Ideen übernehmend, absolut stimmig.

Den Schluss des Abends hatte sich Jörg Widmann, seines Zeichens auch Klarinettist, reserviert und glänzte im Quintett für Klarinette und Streichquartett. Es war eine Freude, dem Ensemble zuzuhören, höchstes Spielniveau, brillante Virtuosität des Solisten, die das musikalische Empfinden fast ein wenig überlagerte. Etliche Zuhörer hätten sich noch ein weiteres, leichter durchzuhörendes Kammermusikwerk gewünscht. So war der Abend wohl ein voller Erfolg, aber nicht nur der Rezensentin zu widmann-lastig.

Viel Applaus für die hohe Spielkunst der Musiker, denen die Freude am gemeinsamen Musizieren anzumerken war, und das ist schließlich das Wichtigste.


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