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Revival strickender Frauen Im Trend: „Wir hängen an der Nadel“

Von Conny Rutsch



Melle. Stricknadeln und Wolle spalten die Menschheit in zwei Lager. Die Strickerinnen – und Stricker! – lieben es, in Wolle, Farben und Muster einzutauchen, andere kämen gar nicht auf die Idee, das schon in der Schule gehasste Nadelspiel anzufassen. Stricken ist immer so etwas wie eine Ideologie gewesen. In schlechter Zeit wurde Schafwolle gesponnen und zu wärmender und notwendiger Kleidung verarbeitet. Jahre später galt das Strümpfestricken als hausbacken und altmodisch.

Und heute? Der Verkauf von Wolle boomt. Auf den internationalen Laufstegen findet sich Grobgestricktes, das Frauen ebenso wie Männer tragen. Filigrane Lochmuster für den Sommer, Wärmendes und Zierendes für den Winter: Der Fantasie der Strickerinnen sind keine Grenzen gesetzt.

Aber warum bekommt denn das Stricken seit einiger Zeit ausgesprochenen Kultcharakter? Sigrid Behrens vom Wollgeschäft „Maschenmode“ in Melle-Mitte erklärt: „Der Pulli hat das Sweatshirt abgelöst. Ich kann mir ganz individuell das stricken, was mir selbst gefällt und sich auf der Haut gut anfühlt.“ Außerdem weiß sie, dass das Stricken in den USA schon als beruhigende Therapie angeboten wird.

Joanna-Malin Skuplik, Mitarbeiterin im „Woll-Lust“, dem Fachgeschäft fürs Stricken in Neuenkirchen, strickt, „weil ich mich dabei entspannen kann, etwas für mich tue und dann auch noch etwas Schönes herstelle“, sagt sie. Unter ihren Händen entstehen modische Accessoires, die sie je nach Laune beinahe gleichzeitig strickt: ein großer Kragen, ein Bolerojäckchen, eine Tunika aus Sockenwolle und eine Zipfeljacke mit Lochmuster.

Stricken liegt im Trend. Auch junge Frauen lieben es und lassen die Nadeln überall klappern: in der Uni, vor dem Fernseher, im Bus. Kundin Gisela Schwitalsky drückt es für sich so aus: „Es macht Spaß, mit dem Stricken etwas Eigenes zu schaffen, außerdem kann ich dabei die Gedanken loslassen.“

Längst haben auch modische Farben für Socken, Pullover und Co. die Wollknäuel attraktiv gemacht. Für den Sommer werden die Farben Taupe, ein warmer Grauton, und Mauve, das blasse Lila der Malve, sowie alle Blau- und Grünschattierungen des Meeres für die Strickerinnen interessant sein.

Stricken ist aber mehr: „Frauen mit dem gleichen Hobby lernen sich kennen, und es entsteht wieder ein Wir“, erzählt Sigrid Behrens. Freya Hoffknecht beschreibt die Erfahrung aus ihrer „Woll-Lust“: „Der Laden ist zu einer sozialen Kommunikationsstätte geworden. Die Kundinnen sitzen auf dem Sofa, helfen sich gegenseitig beim Stricken und kommen auch über andere Dinge ins Gespräch.“

Dass strickende Frauen auf Männer eher mütterlich und unerotisch wirken, passt wohl nicht mehr in das moderne Weltbild. Gestrickt wird längst nicht mehr aus Notwendigkeit, sondern aus Lust an individueller Mode und Spaß an der Herausforderung, etwas Neues selber zu schaffen. Freya Hoffknecht, die früher als Ärztin praktizierte, bringt die Frage nach dem Strickkult lachend auf den Punkt: „Stricken macht süchtig. Wir hängen an der Nadel.“


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