Berichte aus Kindheit in der DDR Gauck-Tochter bei den Landfrauen in Melle

Von Norbert Wiegand

Interessante Einblicke in das Leben einer Pastorentochter in der DDR: Gesine Lange (rechts), Tochter von Joachim Gauck, wurde von der Bueraner Landfrauen-Vorsitzenden Christa Ballmeyer begrüßt. Foto: Norbert WiegandInteressante Einblicke in das Leben einer Pastorentochter in der DDR: Gesine Lange (rechts), Tochter von Joachim Gauck, wurde von der Bueraner Landfrauen-Vorsitzenden Christa Ballmeyer begrüßt. Foto: Norbert Wiegand

Melle. Sprudelnd, intensiv und lebhaft erzählte Gesine Lange von ihrem Leben als Kind und junge Frau in der Pastoren-Familie des späteren Bundespräsidenten Joachim Gauck. Neben den sehr privaten Einblicken sprach die 50-Jährige aber auch über die Schwierigkeiten, die sie als Pastorentochter und bekennende Christin in der DDR erleben musste.

„Schon bei meiner Geburt war mein Vater nicht da, und das war auch später oft so“, berichtete sie gleich zum Beginn ihres Vortrags, dass die Familie für Joachim Gauck zeitweise am Rande stand. „Ich habe ihn aber nicht vermisst“, machte sie ebenso klar, dass sie deswegen keinerlei Groll hegt. Gaucks berufliches Engagement war dagegen sehr ausgeprägt, er kümmerte sich stets um seine Gemeinde: „Deshalb ist das Zölibat für katholische Priester für mich eine verständliche Einrichtung, denn gute Pastoren sind wohl oft mehr mit ihrer Gemeinde verheiratet“, schlussfolgerte sie.

Mutter lebt in Rostock

In flottem Erzählton blickte sie vor den mehr als 60 Landfrauen in der Bueraner Gaststätte „Bremer Tor“ auf ihre Kindheit zurück. Da sie nicht, wie sonst fast alle Kleinkinder in der DDR, von ihren Eltern in die Krippe gegeben wurde, blieb ihr die dortige pseudo-sozialistische Früherziehung erspart. Erst in der verpflichtenden Vorschule für Fünfjährige musste sie sich die Männer der nationalen Volksarmee als Helden und Beschützer präsentieren lassen. Diese Art Erziehung gefiel ihr in der richtigen Schule auch nicht, bei den Jungen Pionieren machte sie als Einzige nicht mit: „Ich war irgendwie ein komisches Kind.“

Ebenso wie ihren Brüdern wurde ihr später der Erwerb der Hochschulreife verwehrt, wegen mangelnden Einsatzes für das Kollektiv, fehlender Mitgliedschaft in der FDJ und dergleichen. „Ich bin bilingual aufgewachsen, wir hatten eine freie Sprache in der Familie und eine andere für draußen“, sagte Lange. Obwohl sie außerhalb der Familie immer nur vorsichtig formulierte Kritik äußerte, hielt sie sich an die Leitlinie ihres Vaters „Niemals Angst machen lassen“.

Beruflich chancenlos

Ihre beruflich in der DDR chancenlosen Brüder mussten vier Jahre auf die Bearbeitung ihres Ausreise-Antrages warten, bis sie kurz vor Weihnachten 1986 nach Westdeutschland umsiedeln konnten. Gesine wurde evangelische Kinderdiakonin und wollte eigentlich in der DDR bleiben, um dort etwas zur Veränderung beizutragen. Denn: „Dort wo Gott einen aussät, soll man blühen.“

Es kam aber anders, als sie sich in einen jungen Mann aus der Bremer Partnergemeinde verliebte und ihn heiratete. Gesine durfte im Juni 1989 vier Monate vor dem Fall der Mauer ausreisen. Inzwischen ist sie zum zweiten Mal verheiratet und hat vier Kinder. Ihre Mutter lebt weiterhin in Rostock und ist damit zufrieden. „Das Verhältnis zwischen meiner Mutter und meinem Vater ist gut und von gegenseitigem Respekt geprägt“, erklärte Gesine Lange. „Bitte glauben Sie nicht anderslautenden Berichten in goldenen und bunten Blättern“, richtete sie sich an die Fragen stellenden Zuhörerinnen im gut gefüllten Saal Birr. Es gäbe auch keine Probleme mit der neuen Lebensgefährtin und vorherigen „First Lady“ Daniela Schadt. „Wir alle freuen uns immer darauf, uns bei Familienfeiern zu sehen“, betonte sie. Und ihre Mutter sei wirklich froh, dass sie nicht die Rolle einer Präsidentengattin spielen musste.

Bildbände aus der DDR

Nach der Fragerunde dankte die Bueraner Landfrauen-Vorsitzende Christa Ballmeyer der Referentin für ihren „lebendigen Vortrag“. Bei Einzelgesprächen und Gesprächen in Kleingruppen blätterten Landfrauen und Gäste aus der Umgebung noch gemeinsam mit Gesine Lange in alten Büchern und Bildbänden aus der DDR.


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