Mareks Meller Mutprobe Karate in Melle: Allein unter Schwarzgurten

Von Marek Majewsky


Melle. Im letzten Teil seines Selbstversuchs hat unser Reporter Marek Majewksy das „Karate Dojo Melle“ besucht und durfte feststellen, dass außer ihm fast ausschließlich Schwarzgurte zum Training erschienen sind.

Ich stehe meinem Gegner gegenüber, als das Zeichen zum Angriff gegeben wird. Meine Faust schnellt nach vorne, doch mein Gegenüber ist vorbereitet. Meine Attacke geht ins Leere, seine nicht. Die Ferse meines Gegners erwischt meinen Kopf, Knochen trifft Knochen. Obwohl der Angriff abgesprochen war, bin ich vom Tempo des Konters überrascht. Es ist die letzte Übung eines Abends, der schon mit Schnelligkeit begann.

18.50 Uhr: Kofferraum aufreißen, Sporttasche schnappen und ab in die Halle. Ich bin spät dran an diesem Montagabend und suche im Laufschritt den Eingang der Sporthalle. In zehn Minuten beginnt das Training. „Dann bin ich wenigstens schon aufgewärmt“, denke ich mir. Lautes Geplauder und das Geräusch von sich öffnenden Reißverschlüssen der Sporttaschen dringt an meine Ohren, als die die Halle betrete. Ich höre Scherze, Lachen und Gespräche über das Wochenende. „Du bist Marek?“, werde ich sofort gefragt, nachdem in der Umkleide auftauche, man erwartet mich bereits. Als ich mich im Raum umblicke, sehe ich außer mir nur Schwarzgurte, sogenannte Dan-Träger. In freudiger Erwartung auf ein knackiges Training öffne ich meine Sporttasche und stelle erschrocken fest, dass ich meine Trainingshose im Stress liegen gelassen habe. „Als ob ich das erwartet hätte“, scherzt einer der Schwarzgurte und zaubert einen zusätzlichen Sportanzug, genannt Gi, aus seiner Tasche hervor, den er extra für mich mitgebracht hat.

„Hajime!“ - Das Kommando zu kämpfen

„Wir trainieren die traditionelle Art des Karate“, erklärt Sensei Paul Fedtke vom „ Karate Dojo Melle “. Zur Tradition gehört, dass sich zu Beginn des Trainings alle Schüler in einer Reihe aufstellen. „Shōmen ni Rei“, grüßt Fedtke, woraufhin sich seine Schüler verbeugen. Dan-Träger Oliver Rose übernimmt das Aufwärmtraining. Der blonde Sportler ist routiniert. Nur kurz erklärt er die Aufgaben, danach sind wir dran. Seine Stimme ist das Einzige, was das Traben der nackten Füße auf dem Boden der Halle übertönt. Während des Trainings ist es Usus, dass die Schüler schweigen.

Wir laufen, machen Hampelmänner und dehnen uns. Fast alle Übungen kenne ich von meinen vorherigen Stationen dieses Selbstversuchs. Sie haben sich anscheinend beim Kampfsport als nützlich erwiesen. Langsam bilden sich auch die ersten Schweißtropfen auf meiner Stirn.

„Hajime!“, gibt Rose als Befehl. Blitzschnell nähert sich die Hand meines Partners meiner Schulter. Ich schaffe es, noch so gerade auszuweichen und kontere mit einem Klaps Richtung Bein. Meine Erfahrungen vom Kickboxen machen sich bei dieser Übung bezahlt. Ziel dieses Aufwärmspiels ist es, Schulter oder Bein des Partners mit der flachen Hand zu treffen. Dabei legt mein Gegner ein hohes Tempo an den Tag, dennoch kann auch ich viele Treffer erzielen.

Klatschende Füße, brennende Schenkel

Kurz darauf klatscht ein Fußspann auf die Innenseite meines Oberschenkels. Ich hocke auf halber Höhe zum Boden, das Gesäß nach hinten gestreckt. Nach dem dritten Treffer breitet sich ein ohrfeigenähnlicher Schmerz aus. Ich versuche, das Brennen meiner Schenkel zu genießen, denn die Übung dient zur Abhärtung.

Für die nächste Aufgabe greift mich mein Partner mit einem Fauststoß an. Ich muss ausweichen und mit einem Schnapptritt zum Körper antworten.

Ein lockeres Aufwärmtraining, das für jeden machbar ist. Ein bisschen Durchhaltevermögen braucht es für die Abhärtung. Das finde ich gut so. Schließlich bin ich beim Kampfsport, nicht beim Ballett.

Einen Tritt 10 000-mal üben

Nun übernimmt der Meister persönlich das Training. Wie im Film stellen sich seine Schüler in zwei Reihen vor ihm auf. Er zeigt die Techniken, wir führen sie synchron auf Kommando aus. Zu meinem Leid benutzt er die japanischen Begriffe. Das mit „Mae-Keage“ ein geschnappter Fußtritt nach vorne und „Jun-Zuki“ ein Fauststoß gemeint ist, muss sich mir aus dem Kontext erschließen. Schier endlos wiederholen sich die Techniken. Frei nach dem Motto des Kampfkünstlers Bruce Lee: „Ich fürchte nicht den Mann, der 10000 Tritte einmal geübt hat, aber ich fürchte mich vor dem, der einen Tritt 10 000-mal geübt hat.“

Einem ähnlichen Prinzip folgen die „Katas“. Das sind Schattenkämpfe, die einem fest einstudierten Prozedere folgen. Ich fühle mich wie Daniel LaRusso aus dem Film „Karate Kid“, der anfangs verzweifelt versucht, die Prinzipien des Karate zu verinnerlichen. Bei jedem Schritt hänge ich den anderen Schülern mindestens eine halbe Sekunde hinterher.

Zum Abschluss stellen sich zwei Gruppen im Kreis auf, jeweils ein Karateka steht in der Mitte. Reihum wird angegriffen und ich muss mich gezielt zur Wehr setzen. Angriff, Konter, Angriff, Konter. Ein Schlag folgt dem nächsten. Eine Herausforderung: Ich habe große Mühe, die Schläge rechtzeitig zur Seite zu leiten. Was mir besonders daran gefällt: Aufgrund des hohen Tempos und der ständig wechselnden Gegner wirken die Angriffe realistisch. Ich merke, dass Übung und Anwendung zwei grundlegend verschiedene Disziplinen sind.

Fazit:

Das Karatedojo Melle bietet aus meiner Sicht alles, was man sich bei dieser alteingesessenen Kampfsportart wünschen kann. Tradition, Technik aber auch sportlichen Zweikampf. Einer der authentischsten Vereine, die ich im Rahmen meiner Serie besuchen durfte. Abschließend kann ich sagen, dass diesem Dojo nur das Kampfsportstudio Houlali Konkurrenz macht. Einzigartig sind die Synchronübungen bei den Katas. Vor allem die große Anzahl der Schwarzgurte verleiht dem Training dabei ein hohes Niveau, von dem auch Anfänger profitieren. Dabei braucht es Disziplin und Durchhaltevermögen, damit die Masse an Techniken verinnerlicht wird. Jahrelanges Training sollte einkalkuliert werden. Positiv ist auch die Stimmung unter den Sportlern. Die Stille während der Übungen ergänzt sich gut mit der ungezwungenen und freundschaftlichen Atmosphäre vor und nach dem Training.


Wer Lust hat, beim Karate vorbeizukommen, kann sich per Mail ( info@karate-dojo-melle.de ) oder telefonisch (0 54 22 / 57 55) anmelden. Trainingszeiten und weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Vereins (kd-melle.de).

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