Nachdenkliches zur Reformation Thomas Vogtherr auf der Meller Bürgerkanzel

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Melle. Ein Bürger, der die Predigt hält? Ohne Martin Luther wäre nicht denkbar, was in der St. Petri-Kirche zum Reformationstag bereits gute Tradition hat. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres der Reformation folgte Thomas Vogtherr der Einladung auf die Kanzel.

Aber sind 500 Jahre Reformation überhaupt noch ein Grund, ein Jahr lang zu feiern? Mit einem klaren Ja beantwortete Superintendent Hans-Georg Meyer-ten Thoren die berechtigte Frage. Immerhin markierte der Thesenanschlag in Wittenberg einen Wendepunkt mit tiefgreifenden Auswirkungen. Nicht die Leistungen Martin Luthers stehen dabei für Meyer-ten Thoren im Mittelpunkt des Jubiläumsjahres. „Das Reformationsjubiläum ist im Kern ein Christus-Fest“, betonte er vielmehr.

„Uns Nachgeborenen sträuben sich die Nackenhaare“

Gefeiert wurde das Jubiläum der Reformation auch vor 100 Jahren. Doch es waren andere Töne, die damals von den Kanzeln kamen. An das Reformationsjubiläum inmitten des Ersten Weltkrieges erinnerte Thomas Vogtherr, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Osnabrück, auf der Bürgerkanzel. „Uns Nachgeborenen sträuben sich die Nackenhaare“, erklärte er angesichts einer rückblickend unfassbaren Instrumentalisierung des Glaubens.

„Gott mit uns und mit niemandem sonst?“

Instrumentalisiert wurde auch das wohl bekannteste Lied Martin Luthers: Sein Text „Ein feste Burg ist unser Gott“ zierte sogar die Feldpostkarten im Krieg. „Wir haben seither manches gelernt“, räumte Vogtherr ein. Darauf ausruhen sollte sich jedoch niemand: „Wir sollten, wir müssen nachdenklicher sein“, forderte er die Besucher des Gottesdienstes am Reformationstag auf. Denn das Jubiläum vor 100 Jahren mitten im Ersten Weltkrieg ist nicht so weit entfernt, wie es scheint.

„Gott mit uns“ hieß es damals auf den Koppelschlössern der Soldaten. Thomas Vogtherr setzte hinter die vermeintlich eindeutige Wendung gleich eine ganze Reihe von Fragezeichen. Gott mit uns und mit niemandem sonst? Was ist dann mit all den anderen? Und was, wenn sie von sich das Gleiche behaupten? Oder heißt es: Gott mit uns allen? Warum dann aber all die Gewalttaten? Auf den Koppelschlössern wurde der Spruch längst abgelöst. Doch die Fragen, die er auslöst, sind hochaktuell.

Aktuell bleibt auch die Versicherung „Ein feste Burg ist unser Gott“ – selbst wenn die Sprache und manche Gedanken Luthers heute fremd erscheinen. Doch im Jubiläumsjahr der Reformation ist sie für Vogtherr „ein Ausdruck der Gewissheit, dass wir uns auf Gott verlassen können“. Und dieser Gewissheit gaben die Gottesdienstbesucher auch im Lied Ausdruck. Posaunenchor und Kantorei bereicherten den anregenden, nachdenklich stimmenden Abend mit Werken, die ausdrucksvoll die Reformation hörbar machten.


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