„Digitalisierung braucht Know-how“ Fruchtbare Diskussion bei Unternehmertag in Melle

Von Marita Kammeier


Melle. „Wir sitzen auf der Titanic, vor uns der Eisberg und denken immer noch in alten Kanälen.“ Mit eindringlichen Worten und Bildern zur Bedeutung des digital vernetzten Zeitalters konfrontierte der Marketingprofessor den Mittelstand beim zweiten Unternehmertag der Kreissparkasse. Bei zahlreichen Führungskräften löste der Vortrag Initialzündungen aus und setzte Prozesse in Gang.

Hundert Unternehmer, Rechtsanwälte und Steuerberater waren der Einladung der Kreissparkasse und des Netzwerkes Vermögens- und Nachfolgeplanung zum Thema „Digitalisierung im Mittelstand – Chance und Herausforderung“ gefolgt. Gespannte Erwartungshaltung herrschte im Sitzungssaal des Van der Valk-Hotels, als Sparkassenvorstand Josef Theißing die Veranstaltung mit den Worten eröffnete: „Der technologische Fortschritt lässt sich nicht aufhalten.“

„Es ist irre, was in den gut vernetzten Produktionsbetrieben unserer Stadt passiert“, begrüßte Bürgermeister Reinhard Scholz in seiner Rolle als Schirmherr die Zuhörer. Veränderungsprozesse mit papierarmen Büros beträfen die Kommunen ebenso wie Unternehmen. „Wir sind auf dem Weg und investieren drei Millionen Euro in die digitale Entwicklung des Standorts.“

„Vergessen Sie das früher Gelernte. Wir stehen erst am Anfang der Digitalisierung. Das sind Meilensteine mit ganz neuen Regeln, die wir mit völlig neuem Blick begreifen müssen.“ Der Marketingprofessor und Historiker Klemens Skibicki faszinierte das Publikum vom ersten Moment an, während er Orientierungshilfen beim „Changemanagement“ gab, das zuerst in den Köpfen stattfinden sollte.

Ganz neue Regeln

Skibicki ist Beauftragter für Digitale Wirtschaft, Bereich Unternehmen, im nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium. Außerdem arbeitet er an der Kölner Business Schule im Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“.

Es gebe ganz neue Regeln, erläuterte der Vortragende. Gab es früher eine Buschwerkkommunikation, so sollte sich heute im datengetriebenen Zeitalter der Netzwerkökonomie jeder fragen: „Passen meine Fähigkeiten noch dazu?“

Beispiele wie der Linksverkehr in Schweden aus den 60ziger-Jahren, von dem heute kein Mensch mehr spricht, verdeutlichten die Thesen. „Social Media“ sei heute der Normalfall, so Klemens Skibicki. Die Vernetzung auf Facebook mit 1,7 Milliarden Menschen und 28 Millionen Nutzern sei in nur 12 Jahren erfolgt.

Der Professor wies darauf hin, dass Deutschland nach Japan die zweitälteste Bevölkerung der Welt habe. Die Kluft in den Generationen mit digitalen Immigranten sei groß und die Herausforderung bestehe darin, den Wandel zu managen.

Bei der anschließenden Diskussionsrunde kamen auch die Ängste der Mitarbeiter, Nachwuchsprobleme, Fragen zum Datenschutz sowie die für Veränderungen notwendige Unternehmenskultur zur Sprache. „Eigene Wege gehen, nicht dem Silicon Valley hinterherlaufen“ mahnte Moderatorin und Handelsblatt-Redakteurin Ina Karabasz, die außerdem wissen wollte: „Wie sieht das bei dem Unternehmen Miele in Gütersloh aus?“

Größere Flexibilität

Werkleiter Ernst Krämer berichtete: „Die Veränderung des Informationsflusses betrifft alle. Das haben auch die Hochschulen noch nicht auf dem Schirm.“ Die Kernfrage für den Mittelstand sei jedoch: „Haben wir Leute mit Know-how im Unternehmen, die dafür brennen und die Chancen des Wandels erkennen?“

„Von Plattformen und Standards sind wir in Deutschland noch weit entfernt“, erklärte Vera Demary. Die Leiterin für Strukturwandel und Wettbewerb vom Institut der Deutschen Wirtschaft aus Köln sieht die Chancen der Digitalisierung vor allem in größerer Flexibilität und Produktivitätssteigerung. Voraussetzung sei jedoch ein aufgeschlossenes Management. „Hierarchische Strukturen hemmen nur.“

„Im Mittelstand auf der Basis des Bestehenden aufbauen, das Know-how zusammenführen und zum Beispiel einen Azubi-Blog nach innen und außen initiieren“, so lautete der Vorschlag von Michael Wiese, Geschäftsleitung der Osnabrücker „metacrew group“. Die Teilnehmer des Unternehmertags diskutierten noch lange beim Erfahrungsaustausch über das aktuelle Thema.