Auszeichnung für Johanna Lemme Meller Buchhändlerin ist die Beste im Lande

Von Michael Hengehold

Johanna Lemme mit einem Roman von Frank Schulz, der zum zweiten Mal seinen ostfriesischen Privatdetektiv Onno Viets auftreten lässt. Das Buch hat ihr allerdings der Fotograf in die Hand gedrückt, bei Nichtgefallen kann Frau Lemme nicht für diesen „Lesetipp“ verantwortlich gemacht werden (bei Gefallen natürlich schon). Foto: Michael HengeholdJohanna Lemme mit einem Roman von Frank Schulz, der zum zweiten Mal seinen ostfriesischen Privatdetektiv Onno Viets auftreten lässt. Das Buch hat ihr allerdings der Fotograf in die Hand gedrückt, bei Nichtgefallen kann Frau Lemme nicht für diesen „Lesetipp“ verantwortlich gemacht werden (bei Gefallen natürlich schon). Foto: Michael Hengehold

Melle/Wellingholzhausen. Ihre Stationen als Buchhändlerin: Melle, Kapstadt, Osnabrück. Nun ist Johanna Lemme aus Wellingholzhausen in der Abschlussprüfung Beste in Niedersachsen geworden.

Inzwischen wohnt die 26-Jährige in Osnabrück, studiert hat sie in Mainz (Buchwissenschaft und Literaturwissenschaft), aber den Grundstein ihres Erfolgs hat sie in Melle gelegt. Zweieinhalb Jahrehat die Ausbildung bei „Sutmöller Bücher & mehr“ gedauert. Eine Zeit, die in guter Erinnerung geblieben ist: „Die Ausbildung war richtig klasse, das ist ein wirklich toller Laden mit angenehmer Atmosphäre. Man merkt einfach, dass da viel Herzblut drinsteckt.“ Besonders begeistert die 26-Jährige im Rückblick, dass sie „ganz viel machen“ durfte, von der Buchhaltung über die Deko bis zum Bestellwesen. Von Kolleginnen in der Berufsschule weiß sie, dass das keineswegs selbstverständlich ist, „die waren da teilweise bessere Praktikanten.“ Eigenverantwortlich war sie zudem für die Bestsellerwand.

Astrid Lindgren, das Sams, „Pferdebücher“

Johanna Lemme ist „mit Büchern groß geworden“. Sie kann sich nicht mehr daran erinnern, aber in der Familie wird immer erzählt, dass sie sich das Lesen selbst beigebracht habe, sodass sie zumindest einzelne Worte entziffern konnte. In der Kindheit waren es Astrid Lindgrens Werke, das Sams und „Pferdebücher“, die sie in andere Welten abtauchen ließen und vor allem die Reihe „Freche Mädchen, freche Bücher“. Später, mit 17 oder so, folgte eine Klassikerphase: Goethe, Schiller, Dickens, Victor Hugo. „Das hat mich einfach interessiert, warum diese Bücher so erfolgreich sind, dass wir sie 300 Jahre später immer noch lesen.“

Krimis? Nicht so viel Blut, lieber Psychologie

Inzwischen hat Johanna Lemme sich angewöhnt, „nicht nur das zu lesen, was ich gerne mag. Ich muss auch was zu Frauen-Schmonzetten sagen können“. Krimis („nicht so viel Blut, lieber Psychologie“) schmökert sie aber immer noch gern, auch Gesellschaftsromane, vor allem mit historischem Bezug.

„Sozusagen die letzte Gelegenheit“

Nach ihrer Ausbildung in Melle sollte es dann doch noch mal das Ausland sein, „das war ja sozusagen die letzte Gelegenheit“. Und so verkaufte Johanna Lemme von Februar bis April dieses Jahres deutschsprachige Literatur an vor allem Touristen in Kapstadt. „Eine wahnsinnig lebendige Stadt, sehr multikulturell.“ Im Gegensatz zum Klischee hat sie das Leben in der Stadt als „ganz entspannt“ erfahren, „es gibt fast nichts, dass sich nicht bei einer Flasche Wein lösen ließe.“

„50 Shades of Grey führen wir gar nicht“

Die Dombuchhandlung in Osnabrück, die wegen des Südafrika-Trips eigens drei Monate auf ihre neue Buchhändlerin gewartet hat, ist nun ihr neues berufliches Zuhause. Dort ist sie für Kinder- und Jugendliteratur zuständig: „Ich arbeite mich gerade ein.“ Die Dombuchhandlung sei die größte christliche Buchhandlung in Norddeutschland, erzählt Lemme, dementsprechend besteht das Publikum zu einem Gutteil aus Angehörigen des Klerus und anderen gut gebildeten Kreisen. „Das ist schon ein bisschen anspruchsvoller hier. ‚50 Shades of Grey‘ zum Beispiel führen wir gar nicht.“ Dafür sind alle Werke vorrätig, die für den soeben vergebenen Deutschen Buchpreis nominiert waren.

Johanna Lemme ist nicht nur nominiert, sie steht mit der Note eins als Siegerin fest. Am Dienstag, 8. November, wird sie im GOP Varieté-Theater Hannover ihre Auszeichnung erhalten.

Drei Empfehlungen von Johanna Lemme:

  • für Kinder: Nicholas Gannon: Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt
  • für Jugendliche (ab 16): Ruta Sepetys: Salz für die See (Jugendroman über die Versenkung der Wilhelm Gustloff)
  • für Erwachsene: Brigitte Glaser: Bühlerhöhe (Thriller über einen fiktiven Anschlag auf Kanzler Konrad Adenauer, der von einer Jüdin verhindert werden soll.)