Auslandsstudium in Daressalam Der dicke weiße Mann aus Melle

Von Jakob Kleine-Kalmer

Einem Affen, der Aspirin klaut, begegnete Jakob Kleine-Kalmer am Strand von Nungwi, Sansibar. Foto: Hellena DebeltsEinem Affen, der Aspirin klaut, begegnete Jakob Kleine-Kalmer am Strand von Nungwi, Sansibar. Foto: Hellena Debelts

Melle/Daressalam. Fernab der Heimat verbringt der Meller Jakob Kleine-Kalmer ein halbes Jahr in Tansania. Für sein Studium – Ethnologie und VWL in Göttingen – zog er für ein Auslandssemester nach Daressalam, die größte Stadt und Wirtschaftsmetropole des afrikanischen Landes. Nun berichtet er von seinen Erlebnissen.

Bevor mein Semester im Oktober startete, habe ich die Semesterferienzeit dazu genutzt, mit meinem Kumpel Markus einen Roadtrip durch das eher moderne Südafrika zu machen. Die letzten Tage verbrachten wir noch gemeinsam auf Sansibar, um das Kitesurfen auszuprobieren. Auf dieser Insel vor Daressalam befinde ich mich jetzt auch schon seit einiger Zeit,. Ich d versuche der Hektik einer afrikanischen Großstadt – Daressalam hat mehrere Millionen Einwohner – noch ein wenig aus dem Weg zu gehen: sozusagen Afrika auf Raten.

Hupend und lachend durch das Verkehrschaos

Karibu Tansania, Karibu Sansibar! heißt „Willkommen“ auf Kiswahili und ich höre es bislang von beinahe allen Einheimischen, die mir im malerischen Tansania über den Weg laufen. Tatsächlich fühle ich mich nach einer chaotischen Ankunft in Daressalam, bei der man gleich mal einen Vorgeschmack auf die Unorganisiertheit des Landes geboten bekommt, sehr schnell willkommen in den Gesprächen mit meistens gut gelaunten Menschen. Zwar steht in vielen Gesprächen der Hintergrund des möglichen Geschäftes. Sobald man sich von dem geschäftlichen Thema lösen kann, wird es lustig. Ich hatte schon damit gerechnet, aber spätestens als ich in einem halb auseinanderfallenden Bajaji (ähnlich einer Ape oder eines Tuk-Tuks) über den Bürgersteig auf der falschen Straßenseite rumple und der Fahrer sich hupend und lachend über andere Verkehrsteilnehmer aufregt, realisiere ich, dass dieses Chaos sehr viel bieten kann. Vor allem wenn man eines Tages der Sprache Kiswahilis mächtig wird. Das ist eines der Hauptziele meiner Zeit hier.

Erste Eindrücke auf Südafrika

Bei der Taxifahrt vom Flughafen zum Hostel überströmen uns Bilder aus einer ungewohnten Welt. Der Gegensatz zu Südafrika ist direkt ersichtlich und offensiv. Wir folgen einer Straße ins Stadtzentrum, auf der die abendliche Rushhour CO-2-Türme baut und Markus und ich von links nach rechts gucken, nur um immer wieder auf dasselbe Bild zu stoßen: Überfüllte Busse, Mopeds, Fahrräder, Straßenhändler und was sonst noch umherturnt, ergeben eine schwingende Masse, die sich gegenseitig hochzuschaukeln scheint und auf der Suche nach etwas ist.

Sandigen Fahrtwind in den Augen

Zusammen mit unserer ersten Dhala-Dhala-Fahrt (Minibusse, die aus China importiert wurden und aufgrund der chinesischen Körpergröße wirklich mini sind), bei der wir unsere jeweils zwei Taschen Reisegepäck in die letzten verfügbaren Zentimeter quetschen, muss ich an den Zusammenhang zwischen finanzieller Armut und immateriellem Reichtum denken. So werden die eigenen Kinder auf den Schößen fremder Leute geparkt und man schläft an der Schulter seines Nächsten. Männer laufen Hand in Hand über die Straße – nicht unbedingt weil sie ein Pärchen sind (Homosexualität ist strengstens verboten), sondern weil sie Freunde sind. Und während ich in der halbgeöffneten Bustür stehe und durch den sandigen Fahrtwind die Augen nur halb offen habe, spüre ich ein Gefühl neuer Freiheit mit anderen Grenzen, die noch auf sich warten lassen.

Ein paar Tage danach muss Markus zurück nach Deutschland und ich bin allein. Ein Katergefühl überkommt mich: Sechs Wochen, in denen man 24 Stunden am Tag sieben Tage die Woche aufeinanderhing, hinterlassen Spuren.

Ein Weißer ist ein „Mzungu“

In der ganzen Verworrenheit, umherstreunenden Menschenmassen und bei einem Verkehr, in dem auch die kleinste Lücke angefahren wird, ist hier eines ganz klar: Als Weißer steche ich aus der Masse heraus. Die Bezeichnung der Swahili für Weiße ist Mzungu. Auch wenn ich bislang nur wenig Kiswahili verstehe, so höre ich dieses Wort häufig in Gesprächen, oder wenn ich an Personengruppen vorbeilaufe. Dabei empfinde ich es weder pauschal auf- noch abwertend, sondern versuche es, dem jeweiligen Kontext zuzuordnen und mir dadurch ein Bild über die Stimmung zu machen. Als wir beispielsweise eines Tages in Dar es Salaam mit einer Gruppe von Freunden aus Göttingen unterwegs waren, liefen einige voraus und wir fanden sie nicht wieder. Da reichte es aus zu fragen, ob auf der Straße Wazungu (Mehrzahl von Mzungu) gesehen wurden. Nach einer viertel Stunde hatten wir sie in einem Hinterhof-Restaurant bei Reis und Hühnchen wiedergefunden.

Spitzname von Mitarbeitern des Hostels

Man weckt als Mzungu also das Interesse der Locals und hat deren Aufmerksamkeit. Eine Frage für mich wird sein, wie häufig das Interesse aus Neugier am Fremden besteht und wie häufig nur der europäische finanzielle Wohlstand in mir gesehen wird. Klar ist mir auch, dass ich mich diesem Thema stellen muss. Denn auch wenn ich in der Studentenwelt wahrscheinlich nicht mit der ärmsten Bevölkerungsschicht unterwegs sein werde, öffnet mir das Auslands-BaföG definitiv mehr Möglichkeiten als dem Durchschnitt hier zur Verfügung steht. Einen ersten tansanischen Spitznamen habe ich auch schon bekommen, da die Mitarbeiter eines Hostels sich meinen Namen nicht merken konnten: Mzungu bonge – dicker weißer Mann.