NOZ-Führung auf Degenerhof Staunende Gesichter in der Schäferei in Melle

Von Kirsten Muck


Melle. Man nehme ein Dutzend Schafe, vier Border Collies, einen Labrador, zwei Pferde und 20 indische Laufenten – fertig ist der perfekte Tag auf dem Degenerhof in Melle. 60 NOZ-Leser schauten am Samstag neugierig hinter die Kulissen der Schäferei von Anne Krüger und Jan Degener.

Wenn Peppino und Nugget die Schafe auf der Herde zusammentreiben, bleibt den Zuschauern meist nur der Mund offen stehen. Nur auf Pfeiftöne reagieren die beiden Border Collies. Was sich für die Besucher des Degenerhofs anhört wie belanglosem Herumgepfeife klingt in den Ohren der Collies jedoch wie eine eigene Sprache. Und zwar ihre ganz persönliche Sprache. „Das ist, als würde ich simultan dolmetschen, Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch“, erklärt Anne Krüger. Mit ihrer kleinen Pfeife spricht sie bis zu fünf verschiedene Hundesprachen. Jede Tonabfolge gehört zu einem bestimmten Collie. In der Ausbildung lernt jeder Hund seine eigene Sprache. So gelingt es der Tiertrainerin, mehrere Border Collies gleichzeitig zu führen und über die große Wiese hinter dem Hof zu dirigieren.

Border Collies brauchen Arbeit am Vieh

Behutsam und mit großem Geschick treiben die Hunde die kleine Schafherde der Rasse Scottish Blackface mal in die eine, mal in die andere Richtung. Dabei jagen sie erst im großen Kreis und mit atemberaubenden Tempo um die Herde, bevor sie sich langsam an sie heranpirschen. Bis zu 46 Kilometer pro Stunde läuft so ein Border Collie, erfahren die kleinen und großen Besucher. Border Collies sind sehr ausdauernd und äußerst gelehrig. „Diese Hunde sind für die Arbeit am Vieh und nicht für das Haus“, erklärt Anne Krüger und ergänzt mit Nachdruck: „Wer sich jetzt in einen Border Collie verliebt hat, soll sich bitte eine der anderen unzähligen Rassen aussuchen. Die Border Collies brauchen diese Arbeit.“

Labrador findet Schlüssel im Blumenbeet

Aber nicht nur die Border Collies haben auf dem Degenerhof alle Pfoten voll zu tun. Auch Labrador Dr. Watson weicht Frauchen Anne nicht von der Seite. Wie gut er apportieren kann, stellt er gleich zu Beginn der Führung unter Beweis. Eine Besucherin versteckt ihren Autoschlüssel in einem Blumenbeet. Auf ein Zeichen von Anne Krüger erschnüffelt der Labrador den Schlüssel zielsicher zwischen den Blumen.

Ungläubige Gesichter

Wie viel Arbeit so eine Schäferei macht, erläutert Jan Degener mit einem Quiz. Warum werden Lämmer immer im März oder April geboren und nicht später? Woher weiß ein Schaf, dass es bald wieder Nachwuchs zeugen muss? Wie viele Minuten Zeit braucht ein professioneller Schafscherer, um ein Schaf von seiner Wolle zu befreien? Einige Antworten wissen die Besucher. Doch viele Informationen sorgen für erstaunte und bisweilen ungläubige Gesichter.

Das beste Futter wächst im Mai

Lämmer werden schon zu Beginn des Frühlings geboren, weil die sechswöchige Stillzeit die Zeit überbrückt, in der das Gras auf den Wiesen noch nicht so fett und saftig ist. „Im Mai gibt es das beste Futter, und dann fangen die Lämmer an, zusätzlich zur Milch Gras zu fressen“, erklärt Jan Degener. In der Zeit wächst die Schafherde innerhalb weniger Wochen um 250 bis 300 Schafe an.

In 26 Sekunden ein Schaf scheren

Im Sommer steht dann an einem Tag das Scheren der Schafe auf dem Programm. „Eineinhalb Minuten braucht ein guter Scherer für ein Schaf“, berichtet Jan Degener. Einige Erwachsene schütteln ungläubig den Kopf. „Der Weltrekord liegt bei 26 Sekunden“, ergänzt Degener amüsiert. Pro Tier erhalte der Scherer dann einen Lohn von bis zu 2,50 Euro. Auch die Menge an Wolle, die bei 200 Schafen anfällt, überrascht die Besucher: 600 Kilogramm. Doch mit der Wolle lässt sich kein Geschäft mehr machen. Lausige neun Cent pro Kilogramm erhält ein Schäfer.

Tageslicht beeinflusst Hormonhaushalt

Wenn im August Mutterschafe und Lämmer getrennt werden, haben die Schafe noch ein paar Wochen Zeit, um sich Reserven für die anstrengende Schwangerschaft anzufressen. Im Oktober, wenn das Tageslicht stetig abnimmt, weiß jedes Mutterschaf, dass nun wieder die Zeit ist, in der Nachwuchs produziert werden muss. Das Licht beeinflusst also den Hormonhaushalt der Schafe. Im Winter sind die Tiere wieder schwanger. Dann wird es etwas ruhiger auf dem Hof. Und im Frühjahr geht alles wieder von vorne los.

Der tollste Beruf der Welt

Dass sich die ganze Arbeit lohnt, daran lassen Anne Krüger und Jan Degener keinen Zweifel aufkommen. „Schäfer, das ist der tollste Beruf der Welt“, sagt Anne Krüger stolz. Und mit den Scottish Blackface Schafen hat sie auch, wie sie sagt, die „tollsten Schafe der Welt“ an ihrer Seite. Dennoch ist der Beruf des Schäfers ein aussterbender Beruf. Es gibt nicht mehr viele Betriebe, die groß genug sind, um Schäfer auszubilden. Das Interesse an dem Beruf sei jedoch da. „Wir haben allerhand Bewerbungen“, erzählt Anne Krüger. In diesem Jahr bildet die Familie wieder einen jungen Mann zum Schäfer aus. Matthis Röckener hat am 1. August seine Ausbildung auf dem Degenerhof begonnen.

Ein Labrador als Rosenkavalier

Der Höhepunkt der Führung war unbestritten die Show in der Reithalle. Wer hätte gedacht, dass sich 20 indische Laufenten von vier Border Collies herumkommandieren lassen? Doch die Enten liefen brav über eine Brücke, zwischen den Beinen der Pferde hindurch und am Ende sogar über einen Steg in eine weiße Citröen Ente. Wieder zeigte Anne Krüger, wie sie mit ihrer kleinen Pfeife die Hunde gekonnt durch die Reithalle dirigierte. Die Hunde lösten sich gegenseitig ab, trieben die Ente mal in die eine, mal in die andere Ecke und trennten sogar die weißen von den schwarzen Enten in zwei Gruppen. Carla Degener zeigte auf ihrem Reitpony Lajunen, wie Pferde sich verbeugen können. Und Labrador Dr. Watson spielte die Rolle des Rosenkavaliers.

Bewunderung für Tiertrainerin

Bei einer Bratwurst aus Lammfleisch lassen die Besucher den informativen und spannenden Besuch in der Schäferei ausklingen. „Man ahnt kaum, wie viel Arbeit hier drin steckt“, sagt Silke Fedler-Jansen, die mit ihrer Tochter an der Führung teilnahm. Auch Frank Harms bewundert die Tiertrainerin und ihre Familie: „Das ist eine unglaubliche Leistung, dass man das Training mit den Tieren so perfektionieren kann. Da kann man viel lernen.“ Sein Sohn Jan ist begeistert: „Wie schnell die Hunde sind und wie gut die auf den Menschen hören.“


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