Drehorte weltweit Maik Johanns aus Melle arbeitet für Kino und TV



Melle. Für spannende Geschichten konnte sich der gebürtige Meller Maik Johanns schon immer begeistern. Seine Leidenschaft hat er deshalb zum Beruf gemacht. Als Regieassistent und Aufnahmeleiter ist er unter anderem für die RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“ im Einsatz, die Serie „Morden im Norden“ steht auf seinem Programm für 2016. Im Interview hat uns der ehemalige Meller einiges erzählt.

Herr Johanns, wie ist das so, wenn ständig irgendwo etwas krachend in die Luft fliegt?

Man könnte denken, dass man sich daran gewöhnt. Doch im Gegenteil: Ich bin heute begeistert wie am ersten Tag und freue mich über Feuer, Explosionen, Crashs, Stunts, Schießereien und Leute, die aus dem Fenster fallen.

Sie sind aktuell bei den Dreharbeiten für den deutsch-chinesischen Kino-Actionthriller „Out of Control“ dabei – Ihr erster Kinofilm?

Nein. Bereits während meines Studiums habe ich an mehreren Studentenfilmen gearbeitet, die auf diversen deutschen und internationalen Filmfestivals liefen. Später wurden die Projekte dann aufwendiger. So habe ich 2014 mit dem Regisseur Özgür Yildirim („Chiko“, „Blutzbrüdas“) zusammen gearbeitet. Der deutsche Mystery-Thriller „Boy 7“ war damals mein erstes kommerzielles Kinoprojekt.

Jetzt bei „Out of Control“ ist alles nochmal eine Nummer größer, aufwendiger und actionlastiger. (Lesen Sie auch: Brückenexplosion bei Dreharbeiten in Bad Oeynhausen)

An welchen Projekten arbeiten Sie, wenn nicht gerade ein Film ansteht?

Geschichten zu schreiben und zu erzählen hat mich immer schon interessiert und begeistert. Also habe ich vor gut zwei Jahren angefangen, Drehbuchstoffe zu entwickeln und auszuarbeiten mit dem Ziel, sie zu verkaufen.

Erzählen Sie: Wie läuft ein typischer Drehtag ab?

„Expect the unexpected!“ - Den typischen Drehtag gibt es eigentlich nicht. Jeder Drehtag ist wie ein Uhrwerk. Es gibt gefühlt tausend kleine Zahnräder, die alle ineinander greifen müssen. In der wochenlangen Vorbereitung zur Drehzeit werden die einzelnen Tage minutiös geplant. Man bespricht, bestellt und disponiert Schauspieler, Locations, Technik, Kostüme, Requisiten, Autos, Waffen und diverse andere Dinge, um dann am Set die entsprechenden Szenen für den Film drehen zu können.

Doch wo so viele Faktoren zusammenkommen, wo so viele Menschen in ihrem Job versuchen, das Beste für den Film zu leisten, da tauchen fast auch immer Unvorhersehbarkeiten auf: Eine Szene dauert länger, bis sie so ist, wie der Regisseur sie haben will, es regnet oder schneit, technische Probleme oder einfach nur eine neue kreative Idee wird geboren, die es wert ist, den bestehenden Plan über den Haufen zu werfen. Dann müssen alle flexibel sein und auf die neuen Gegebenheiten reagieren. Entweder hast Du am Ende alles gedreht und der Regisseur ist glücklich oder eben nicht. Dann musst Du auch dieses Problem flexibel und lösungsorientiert angehen. Film wurde immer schon von „Möglichmachern“ gemacht.

Am Filmset geht es ja durchaus turbulent zu. Gibt es ein Horrorszenario, das besser nicht eintreten sollte?

Als Regieassistent habe ich immer das Bestreben und weitestgehend auch die Pflicht, alles unter Kontrolle zu haben. Und da gibt es ganz viele Sachen, die besser nicht eintreten sollen.

Doch man kann unterscheiden, zwischen Sachen, die man vermeiden und die man nicht vermeiden kann. Wenn ein Schauspieler krank wird, Schneefall die Liebesszene im Park vermasselt oder die Kamera einen kapitalen Breakdown hat, kann man nichts machen. Da kann man sich dann aufregen und den großen Zampano raushängen lassen oder die Köpfe zusammenstecken und nach Lösungen suchen.

Gehört Action für Sie persönlich zu einem guten Film dazu?

Nein. Die Filmkunst hat ein so breites Spektrum. Action ist ein großartiger und wesentlicher Bestandteil für ein gewisses Filmgenre. Man kann Action nutzen, um Dynamik zu erzählen und Spannung aufzubauen. Aber Spannung und Dynamik sind umgekehrt nicht von Action abhängig. Viele Filme nutzen grandiose Actionsequenzen um einen gewissen Wert auf die Leinwand zu bringen, wo das Publikum dann mitgerissen und beeindruckt ist. (Hier finden Sie das Interview mit Out-of-Control-Stunt-Koordinator Christoph Domanski)

Darüber hinaus gibt es jedoch Filme, die nahezu völlig ohne Action auskommen und durch ganz andere Stilmittel den Zuschauer an die Leinwand fesseln. Ganz langsam erzählte Dramen vom Niedergang einer Liebe oder Aufstieg eines Gangsters gehören heute zu den besten Filmen, die ich kenne - ganz ohne Action.

Wie sind Sie eigentlich in der Filmbranche gelandet?

Ich hab mir schon als Kind reihenweise erst Geschichten vorlesen lassen und später Hörspiele gehört. Die meisten Menschen werden dann erwachsen und das Interesse daran lässt nach. Bei mir nicht.

Geschichten hören und erzählen hat mich nie losgelassen. Ich hab mich dann gefragt, wie es sein kann, dass ein TKKG-Kriminalfall zufällig immer genau 45 Minuten dauert. Der gleiche „Zufall“ ist mir beim „A-Team“, bei „Knight Rider“ und dergleichen ausgefallen. Warum sehen die Bösen so aus, wie sie aussehen? Warum muss der Held immer erst Angst haben und hinterher bestehen?

Dann habe ich angefangen, Bücher über diese Sachen zu lesen und war völlig angefixt von der „Reise des Helden“ aus der Dramaturgie und Vokabeln wie „Erzählperspektive“ und „Wissensverteilung“.

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Als ich zur Bundeswehr eingezogen worden bin, war ich dort der erste Soldat, der zum Mediengestalter ausgebildet wurde. Acht Jahre hab ich für die Bundeswehr als Redakteur, Kameramann und Cutter Fernsehen gemacht, war in Afrika und Afghanistan im Einsatz.

Für mich war dann recht schnell klar, dass ich auf jeden Fall selber Filme machen muss.

Folglich verließ ich 2009 die Armee und studierte Regie. Während meines Studiums hatte ich dann den ersten Kontakt zu kommerziellen Film- und Fernsehproduktionen. Es folgten Praktika und erste Engagements in Kölner Produktionsfirmen. Um mir mein Studium zu finanzieren, arbeitete ich jahrelang bei RTL, habe dort nachts verschiedene Nachrichtenformate geschnitten, während ich tagsüber als Zweiter Regieassistent für „Alarm für Cobra 11“ gearbeitet habe. Das war eine Zeit, in der ich zwar keine Freizeit hatte, mich aber quasi rund um die Uhr mit dem beschäftigen konnte, was ich am liebsten mache. Heute arbeite ich als Regieassistent - eine Stelle, wo nahezu alle Strippen zusammenlaufen.

Erinnern Sie sich doch mal an Ihren ersten Drehtag zurück. Wie war das so?

Da ich Film und Fernsehen bei der Bundeswehr gelernt habe, gab es in dem Sinne nicht meinen ersten Drehtag mit „in kaltes Wasser geworfen werden“. Aber ich erinnere mich noch sehr gut, als ich mit fast 30 an meinem ersten professionellen Filmset stand. Wir haben eine Szene für „Soko-Köln“ in einer Kölner Villa gedreht.

Ich war beeindruckt, wie viele Menschen um mich herum liefen und wirklich jeder einzelne schien genau zu wissen, was jetzt gerade zu tun ist und wo was gebraucht wird. Die Koordination und Synchronität an diesem Tummelplatz für kreativ arbeitende Menschen hat mich stundenlang beeindruckt.

Ein paar Monate später stand ich dann das erste Mal an einem Action Concept-Set für „Alarm für Cobra 11“: Eine Auto-Verfolgungsjagd, ein Auto-Crash mit Überschlag, eine Explosion, ein Schusswechsel mit den bösen Gangstern und die Befreiung hilfloser Geiseln - alles an einem Tag… da war es dann endgültig um mich geschehen.

Mit welchen Schauspielern haben Sie schon gedreht?

In den paar Jahren, die ich jetzt beim kommerziellen Film arbeite, habe ich bereits wirklich tolle Schauspieler getroffen. Von Irm Hermann, die seinerzeit noch mit Loriot gedreht hat bis hin zu David Kross, David Schütter und Ben Münchow die zu den gefragtesten Jungschauspielern Deutschlands gehören.

Ich habe bereits mehrere Jahre bei „Alarm für Cobra 11“ gearbeitet. Die Hauptdarsteller Erdogan Atalay, Tom Beck, Vinzenz Kiefer und Daniel Rösner habe ich natürlich dementsprechend kennen gelernt. Ich hatte außerdem das Glück, dass ich Ralf Richter für einen Studentenfilm gewinnen konnte. Ich musste ihn dann in meinem eigenen Auto zum Set fahren und hab es sogar extra vorher gewaschen.

Ich habe auch mal mit Anatole Taubmann (James Bond) nachts für eine Folge der „Cobra“ ein Gewächshaus zerschossen. In Afghanistan habe ich Ralf Möller (Gladiator) und Wigald Bohning getroffen und mit beiden lange und interessante Interviews geführt.

Was war der interessanteste Ort, an dem Sie bislang gedreht haben?

Meine Arbeit als Soldat hat mich 2007 und 2008 nach Afghanistan geführt. Ein Kamerad und ich hatten den Auftrag, einen Bericht in Meymanneh zu drehen, einer Stadt im Nordwesten Afghanistans. Dabei ging es um die aktuelle Gefahrenlage und die wiedererstarkten Taliban in dieser Gegend. Dafür sind wir mit einem großen Helikopter dort hingeflogen und haben mehrere Tage in einem improvisierten und kurzfristig aufgebauten Zeltlager verbracht, zusammen mit norwegischen Spezialeinheiten. Das war schon was Besonderes.

Andererseits habe ich am Starnberger See in einer Villa gedreht, in der im Wohnzimmer ein fünf Meter langes ausgestopftes Krokodil (vom Hausbesitzer selbst erschossen) aufgebaut war. Daneben standen zwei ausgestopfte Löwen, die den Besuchern auf dem Sofa quasi in die Augen starrten.

In Bergheim bei Köln haben wir in einem großen Wohnblock, der kurz vor dem Abriss stand, eine ganze Etage für eine Folge der „Cobra“ wieder hergerichtet, um sie dann für eine Szene komplett wieder zu zerstören. Wir haben mit Raketenwerfern Löcher in die Wände geschossen und mit Gaskartuschen Fußböden gesprengt.In Österreich habe ich bei minus 30 Grad im hüfthohen Schnee gedreht und auf den Kapverdischen Inseln in Badehose Interviews geführt.

Es war, glaub ich, von allem ein bisschen was dabei.

Welche Projekte stehen bei Ihnen als nächstes an?

Aktuell stehe ich vor der schweren Entscheidung, ob ich vielleicht im Sommer als Regieassistent einen Kinofilm in NRW, Niedersachsen und den Niederlanden mache oder ob ich mit einem befreundeten Regisseur für fast drei Monate nach Hamburg gehe, um dort vier Folgen einer TV-Serie zu drehen. Natürlich würde ich beides gerne machen, doch wie der Zufall es will, überschneiden sich die Projekte.

Sie sind in Melle aufgewachsen. Verraten Sie uns, was Ihnen spontan zum Thema „Grönegau“ einfällt?

Der Grönegau und meine Heimat Melle waren und sind mir immer noch sehr wichtig. Obwohl ich schon seit 15 Jahren nicht mehr in Oldendorf wohne, bin ich immer noch regelmäßig dort bei meiner Familie. Während meiner Kindheit und Jugend habe ich hier Freundschaften und Verbindungen geschlossen, die mich sicherlich für mein ganzes Leben lang begleiten und prägen werden.

Ich glaube, dass es leichter ist fortzugehen, wenn man weiß, wo man herkommt und jederzeit dahin zurückkehren könnte, wenn die Dinge einmal schlecht liefen.

Ich habe heute noch ein Lächeln auf dem Gesicht, wenn ich aus Köln nach Hause fahre, auf der A30 in Osnabrück am Niedersachsen-Schild vorbeifahre und zurück nach Melle komme. Dort bin ich ganz vielen Menschen und Sachen nah, die mir sehr wichtig sind.


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