Vorsitzende gibt Posten auf „Meller Tafel ist wie ein kleines Unternehmen“


Melle. Es ist ordentlich was los in der Meller Tafel. Jeden Vormittag bringen die Fahrer körbeweise Gemüse, Obst, Käse, Wurst und Brot zum Gebäude gegenüber vom Bahnhof. Sechs Frauen sortieren dann die Ware und überprüfen, ob sie noch frisch ist. Damit am Dienstag, Mittwoch und Freitag in Melle Lebensmittel verteilt werden können, ist eine Logistik und Organisation notwendig, die Außenstehende nur staunen lässt.

„Das ist mittlerweile wie ein kleines Unternehmen. Es ist über die Jahre immer mehr geworden“, erzählt Hannelore Tommek, die Vorsitzende des 115 Mitglieder zählenden Vereins Meller Tafel e.V. Sie ist seit der Gründung im Jahr 1998 dabei, seit 15 Jahren als Vorsitzende. An vier Tagen in der Woche sitzt sie in dem kleinen Büro der Tafel und telefoniert, beantwortet Emails, bespricht sich mit den Mitarbeitern und Helfern. Doch nun möchte sie ihren Vorsitz abgeben. „Die tägliche Arbeit, das wird mir zuviel“, sagt sie. Auch ihre Stellvertreterin Christa Lemme stellt ihr Amt zur Verfügung. In der nächsten Woche ist eine Mitgliederversammlung mit Vorstandswahlen. Tommek hofft, dass Jüngere das Ruder übernehmen. Denn die meisten Mitglieder sind zwischen 65 und 75 Jahre alt. „Die Jüngsten sind Ende 40, Anfang 50“, erklärt die 73-Jährige. Nachwuchs könnte die Tafel also gut gebrauchen. Nicht nur wegen der Überalterung, sondern auch wegen der Vielzahl an Aufgaben, die zu stemmen sind.

24 Supermärkte abklappern

Sechs Fahrer, meist Ehrenamtliche, klettern morgens um sieben in die Lastwagen, jeden Tag. Sie klappern 24 Supermärkte im Raum Melle, Bad Essen und Bünde ab. Denn die Tafel versorgt neben der Ausgabestelle in Melle auch noch zwei weitere Außenstellen in Rabber und Bünde. Wenn die Fahrer bei den Märkten ankommen, steht die Ware schon für die Abholung bereit. Auch die Großmärkte und Fabriken wie Apetito, Homann oder Fuchs sind Ziele der Fahrer. Selbst nach Bückeburg fahren die Helfer der Meller Tafel, um dort bei einer Fleischfabrik eingeschweißte Wurstenden abzuholen. Um halb elf trudeln dann die ersten, voll beladenen Transporter und Kühlwagen wieder in Melle ein. „Ware haben wir zum Glück reichlich“, stellt Hannelore Tommek fest.

Tomaten unter die Lupe nehmen

Dann geht es ans Auspacken und Sortieren. „Wir geben nur das weiter, was wir auch selbst essen würden“, sagt Tommek. Melle ist das Verteilzentrum der Tafel. Dort wird die Ware für alle drei Ausgabestellen vorbereitet. Sechs Frauen sind jeden Morgen im Einsatz. Sie nehmen die Lebensmittel unter die Lupe. Anni Jung zupft faule Weintrauben von der Rebe. Die guten, noch essbaren dunklen und hellen Trauben kommen in Schachteln, die schlechten in einen Eimer. In dem Eimer neben dem Tisch liegen schon faule Mandarinen, zermatschte Weintrauben und verschrumpelte Pflaumen. Anneliese Buth, die neben ihr steht, kippt auf dem Tisch eine Schale mit Pflaumen aus und pickt direkt eine mit einer schimmeligen Stelle heraus. „Ich fühle mich zu jung, um auf der Couch zu liegen“, begründet die 76-Jährige ihr Engagement für die Tafel. Viele Frauen kommen in der Rente zur Tafel. Sie wollen ihre freie Zeit sinnvoll füllen.

Früher war es klein und familiär

Auch Ingrid Ekeler hat sich aus diesem Grund für die Tafel entschieden. Sie begutachtet Tomaten und legt sie behutsam in einen großen, flachen Korb. Alwine Matzel, die neben ihr steht, ist ebenso für das Sortieren des Gemüses verantwortlich. Sie ist allerdings schon seit dem Gründungstag für die Tafel aktiv. Während sie labberige Blätter vom Salatkopf zupft, erzählt sie, wie klein und familiär es noch vor 17 Jahren bei der Tafel zuging und dass es für sie immer am schönsten war, wenn sich Kunden bei der Essensausgabe bedankt haben.

Kunden kommen seit Jahren

Jede Frau hat ihren Aufgabenbereich. Während Monika Schürmann die gestapelten Kisten voll Brot und Brötchen durchschaut und die Backwaren sortiert, räumt Siegrid Speckmann Milch, Yoghurt, Käse und Wurst in ein Kühlregal ein. Für Torten und Kuchen sind an diesem Vormittag Ulrike Schlüter und Gisela Vossel zuständig. Nachmittags hilft Gisela Vossel noch mal bei der Lebensmittelausgabe. „Ich kenne die meisten Kunden sehr gut, weil sie schon seit Jahren hierher kommen. Und dann weiß ich auch, was sie haben möchten und was ich anbieten kann“, erzählt sie. Neben ihr muss Hannelore Tommek für die Ausgabe weitere fünf Frauen einplanen.

Unterschiedliche Klientel

An drei Tagen können Bedürftige in Melle zur Tafel kommen und Lebensmittel einkaufen. Für einen Erwachsenen werden zwei Euro, für ein Kind 30 Cent berechnet. In Rabber und Bünde gibt es jeweils einen Termin pro Woche. Die Klientel ist unterschiedlich. In Melle sehe sie viele Familien, in Rabber viele ältere Leute, und in Bünde sei es sehr gemischt, erklärt Hannelore Tommek. Allerdings nehme vor allem in Bünde die Zahl der Flüchtlinge, die zur Tafel kommen , stark zu. Wer nicht mehr selbst zur Tafel kommen kann, weil er pflegebedürftig oder behindert ist, kann vom Bringdienst der Tafel profitieren. Zirka 65 Kisten stellen die Ehrenamtlichen der Tafel pro Woche für diese Menschen zusammen. Manchmal, berichtet Tommek, versuchen Menschen, diesen Service für sich auszunutzen. „Die rufen hier an und erwarten dann, dass wir denen auch die Lebensmittel bringen, nur weil gerade die gehbehinderte Nachbarin ihren Korb von uns bekommen hat. Das geht natürlich nicht“, stellt Tommek klar. Die Kunden müssen ihre Behinderung nachweisen.

In Arbeit reingewachsen

Diese Anrufe sind nur ein kleiner Teil der Aufgaben der Vorsitzenden. Hannelore Tommek delegiert zwar Vieles an die anderen Mitglieder des Vorstands. Doch die tägliche Verwaltungsarbeit bleibt. „Ich bin in die Arbeit reingewachsen. Aber man muss gut organisieren können“, sagt sie. Mit dem Organisieren und Delegieren ist für Hannelore Tommek und ihre Stellvertreterin Christa Lemme nächste Woche jedoch Schluss. Dann soll ein neuer Vorstand gewählt werden, der die Geschicke der Tafel leitet.

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