Welches Recht zählt mehr? Das sagen Kleinwüchsige zur geplatzten Disco-Jagd in Melle

Ulf Seibicke ist ein gefragter Kleinwuchs-Darsteller. Rund 50 Mal ist er schon in Discos aufgetreten. Foto: privatUlf Seibicke ist ein gefragter Kleinwuchs-Darsteller. Rund 50 Mal ist er schon in Discos aufgetreten. Foto: privat

Melle. Ist es menschenverachtend, einen Kleinwüchsigen durch eine Disco zu jagen, selbst wenn er damit Geld verdient? Muss der Betroffene vor einer Gefahr und letztlich vor sich selbst beschützt werden? Nach der Absage eines umstrittenen „Show-Acts“ in der Meller Disco Naava werden diese Fragen von kleinwüchsigen Menschen durchaus unterschiedlich beantwortet.

Ulf Seibicke kann sich gut in die Rolle des Kleinwüchsigen hineinfühlen, der am Wochenende eigentlich im Naava als Animateur hätte auftreten und sich von der Menge durch die Disco jagen lassen sollen. Zwischen 40 und 50 Mal sei er bislang selbst in dieser Rolle aufgetreten, schätzt er. Diskriminiert habe er sich dabei bisher nie gefühlt. Das Ganze sei einfach nur ein Job. „Es ist ehrliches Geld, dass ich damit verdiene. Ich kann nicht verstehen, wenn sich darüber jemand aufregt“, sagt er. Der Darsteller hat Achondroplasie, die häufigste Form des genetisch bedingten Kleinwuchses.

Job bereitet Seibicke Spaß

In seinem Leben stand Seibicke schon häufiger im Rampenlicht: Über ihn und seine Familie wurden bereits drei Reportagen fürs Fernsehen gedreht. In einem Musikvideo des Rappers Sido trat er als Komparse auf. Auch von Discos wird er regelmäßig für Auftritte angefragt. Er hält es nicht für menschenverachtend, sich von den Gästen durch die Partyräume jagen zu lassen. Ganz im Gegenteil: „Natürlich bereitet mir der Job Spaß, sonst würde ich es ja nicht machen“, sagt er. Dass der Auftritt des Kleinwüchsigen in Melle abgesagt wurde , dafür hat er kein Verständnis. Man müsse zuerst die betreffende Person selbst fragen, allein diese hätte das Recht, zu entscheiden, was sie mit sich machen lässt. Eines steht fest: Seine eigenen Auftritte dürfte niemand absagen. „Dann würde ich rechtliche Schritte einleiten“, so Seibicke.

Darsteller muss gefragt werden

Auch die Osnabrückerin Birgit Köhne verweist auf das Selbstbestimmungsrecht des jeweiligen Künstlers. Die 48-Jährige ist als Beisitzerin im Bundesselbsthilfe-Verband kleinwüchsiger Menschen tätig. „Wenn der Darsteller nicht gefragt wird, ist das auch eine Form der Diskriminierung. Er muss schließlich selbst entscheiden, ob er es machen will“, sagt sie. Andernfalls sei es eine Bevormundung, wenn über den Kopf des Kleinwüchsigen hinweg entschieden werde. „Dadurch wird er von oben herab wie ein unmündiges Kind behandelt. Stattdessen muss er aber ins Gespräch mit einbezogen werden. Wir können am besten sagen, was uns passt und was nicht“, sagt Köhne.

Sie selbst würde sich nicht von Feierwütigen durch eine Disco treiben lassen; das sei „nicht ihre Welt“. Aber das Entscheidende sei: Sie müsse es ja auch nicht. Sie verlange nur, dass Kleinwüchsige – genau wie andere Menschen – selbst entscheiden dürfen, was sie aus ihrem Leben machen.

Der gesellschaftliche Trend bereite ihr Sorgen, sagt Köhne: In den vergangenen Jahren beobachte sie wieder eine vermehrte Diskriminierung von Kleinwüchsigen. „Es wird wieder schlimmer. Man wird häufiger schief angeguckt“, berichtet sie. Das liege an einer zunehmenden Gleichgültigkeit der Menschen: „Vielen ist es beispielsweise egal, ob sie auf einem Behindertenparkplatz parken.“ (Weiterlesen: Von großen kleinen Leuten)

Jagd ist menschenverachtend

Eine andere Meinung zum geplanten Aufritt des Kleinwüchsigen in der Disco Naava vertritt der „Bundesverband Kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien“ (BKMF). Seit 1988 setzt er sich für die Belange kleinwüchsiger Menschen ein. Mittlerweile zählt der Verband 3500 Mitglieder. „Wir freuen uns über die Absage und die schnelle Reaktion der Stadt Melle. Sie hat vorbildlich gehandelt“, sagt Patricia Carl, Vorsitzende des BKMF, auf Anfrage unserer Redaktion. Einen Kleinwüchsigen zu jagen, sei menschenverachtend. Es sei „verächtlich, ablehnend und stellt den kleinwüchsigen Menschen nicht als Mitglied unserer Gesellschaft dar. Vielmehr werden hier Menschen mit Fabelwesen aus dem Buch Gullivers Reisen gleichgestellt und zur reißerischen Akquise von Discobesuchern missbraucht“, heißt es von Seiten des BKMF .

Doch was ist mit dem Selbstbestimmungsrecht des jeweiligen Darstellers? Zwar könne man niemandem verbieten, sich für so etwas herzugeben, sagt Carl. Aber als Vorsitzende müsse sie in erster Linie an den gesamten Verein denken. „Die meisten Mitglieder finden eine solche Jagd nicht toll und fühlen sich dadurch diskriminiert. Wir wollen aufgrund unsere Fähigkeiten wahrgenommen werden und und nicht dafür, uns jagen zu lassen“, so die Verbandsvertreterin. Die Menschenwürde stehe als Grundrecht über allem.

Verbot schwierig zu erwirken

2013 wurde ein Kleinwüchsiger in Cuxhaven bei einer ähnlichen Party wie der nun in Melle geplanten lebensgefährlich verletzt. Seitdem setzt sich der Verband verstärkt dafür ein, dass Menschenjagden durch Diskotheken endgültig verboten werden – bisher allerdings ohne Erfolg. „Das Entsetzen war nach dem Unfall zwar groß. Aber danach hat sich nichts geändert“, kritisiert die 31-jährige Carl. Ein Verbot sei schwer zu erwirken, deshalb gebe es immer noch zahlreiche Veranstaltungen, bei denen die Kleinwüchsigen zur Belustigung der Gäste vermeintlich missbraucht werden.

So auch in Münster: Auf ihrer Facebook-Seite wirbt eine Osnabrücker Event-Firma, die sonst für die Gestaltung von Abibällen zuständig ist, für eine Party im April, bei der eine „Liliputaner Action“ geboten werden soll. Dennoch sei die Party im Vergleich zur angedachten Aktion in Melle harmlos, versichert der Organisator. Es werde kein Kleinwüchsiger gejagt oder „in den Backofen gesteckt“. Vielmehr beschränke sich die „Liliputaner Action“ darauf, dass ein DJ auftreten soll, der kleinwüchsig ist.

Im Gegensatz zu Köhne glaubt Carl trotz der umstrittenen Party-Events, dass die Akzeptanz von Kleinwüchsigen innerhalb der Gesellschaft gewachsen ist. „Es gibt immer noch Menschen, die uns schief angucken und über uns lachen. Aber generell wird uns nicht mehr eine geringere Leistungsfähigkeit zugetraut“, so die 31-Jährige.


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