In einer Villa in Wismar Meller erlebte Christoph Eschenbach als Kleinkind

Von Conny Rutsch


Melle. Er hat Christoph Eschenbach gesehen. Das an sich ist nichts Besonderes, denn viele Menschen besuchen Konzerte mit dem berühmten Dirigenten und Pianisten. Manfred Radtke allerdings hat ihn schon als Kleinkind gesehen und erzählt die spannende Geschichte.

Der in Melle ansässige ältere Herr war 1929 in Stargard bei Stettin in Pommern geboren und schon als junger Bursche zum Militär einberufen worden. Als Soldate fuhr er mit vielen anderen jungen Leuten unter anderem auf einem Schiff über Rügen nach Dänemark, um Nahrungsmittel an Bord zu nehmen. Dann ging es weiter nach Kiel. Radtke geriet in englische Kriegsgefangenschaft, konnte aber nach kurzer Inhaftierung mit einigen anderen jungen Kameraden fliehen. Danach irrte er ein halbes Jahr durch Mecklenburg-Vorpommern.

Russen kontrollierten

„Schließlich bin ich in Wismar hängen geblieben“, erzählt Manfred Radtke. Dort begann der 16-Jährige eine Gärtnerlehre. „Eine ältere Mitarbeiterin in der Gärtnerei, die aus Schlesien kam, bemutterte mich dort ein wenig“, berichtet er. Sie wohnte in einer großen Stadtvilla in Wismar in einem von Russen besetzten Stadtteil. „Der russische Geheimdienst kontrollierte an Schranken diesen Bezirk“, erinnert sich Manfred Radtke. Seine Kollegin nahm den jungen Mann hin und wieder mit in die Villa.

Und dort lebte Wallydore Eschenbach. Sie war die Cousine der Mutter von Christoph Eschenbach. Dessen Mutter war bei der Geburt gestorben, und auch die Großmutter, die sich um das Baby kümmerte, starb an den Folgen der Flucht. Wallydore Eschenbach nun zog den Kleinen auf und entdeckte bald die musikalische Begabung des Jungen. Sie selbst war Pianistin und unterrichtete Christoph im Klavierspiel, aber auch den Sohn des Gärtners, bei dem Radtke in Ausbildung stand.

Ausflug in den Westen

„Ihnen war es überhaupt nur möglich in dieser Villa zu wohnen, weil eine Verwandte von ihnen einen amerikanischen Pass besaß“, erzählt Manfred Radtke. „Und bei meinen Besuchen dort sah ich den kleinen Christoph Eschenbach.“ Er erinnert sich daran, dass der kleine Junge, der 1940 geboren war, kränkelte und sehr verloren in dem großen Kinderbettchen wirkte.

Laut Aussage von Manfred Radtke arbeitete der Ehemann der Ziehmutter des kleinen Christoph im Westen. „Ich erinnere mich, dass er einen Doktortitel trug und auch etwas mit Musik zu tun hatte“, sagt er. Außerdem weiß er noch, dass er mit Wallydore Eschenbach einmal heimlich nachts über die Grenze in den Westen ging.

Einige Jahre später machte Radtke eine Ausbildung zum Zöllner in Bad Harzburg. Nach 18 Jahren Grenzdienst am Harz war er von 1968 bis 1989 im Zollamt in Bünde tätig. „Ich durfte mit diesem Beruf selbstverständlich nicht in die DDR reisen“, erzählt er und verlor daher die Kontakte nach Wismar.

Als er aber die ersten Konzerte von Christoph Eschenbach im Fernsehen sah, wusste er, dass es derjenige gewesen war, den er als kleinen Jungen in der Wismarschen Villa erlebt hatte. „Persönlich habe ich ihn nie wiedergesehen“, bedauert er.


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