Aufzeichnungen des Franz Vogt Teil 18: „Wann wird die Welt vernünftig werden?“

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Ein Kartenspiel als Zeitvertreib vor einem aufgeschütteten Unterstand. Foto: Sammlung Franz VogtEin Kartenspiel als Zeitvertreib vor einem aufgeschütteten Unterstand. Foto: Sammlung Franz Vogt

Gesmold. Die Berichte des Gesmolder Gefreiten Franz Vogt aus dem Ersten Weltkrieg setzen wir heute mit Teil 18 unserer Serie fort.

Im Bereich Cambrai durchbrachen britische Verbände im November 1917 mit Panzer- und Flugzeugverbänden deutsche Stellungen. Nach starken Regenfällen versanken Panzer, Geschütze und Granaten im Schlamm. Nur mühsam bewegten sich die Männer. Die hohen Verluste konnten auf beiden Seiten nicht korrekt benannt werden.

15. Dezember 1917

Schon acht Tage sind wir hier, aber noch nicht in Stellung, während die Batterien eingesetzt sind. Mein Quartier ist bei einem Landschaftsgärtner, nette Menschen. Ich war öfters in Roulers, welches seit meinem letzten Dortsein schwer gelitten hat. Täglich wandern die Bewohner aus. Die Straßen sind voll Flüchtlinge. Der Engländer hat auffallenderweise seit vier Wochen die Stadt nicht mehr beschossen. Kirchen und Häuser haben schwer gelitten.

20. Dezember 1917

Traurig, auch in Beveren muss Zivil fort, darunter auch unser Wirt. Und alles kommt so schnell, die Leute sind sofort zur Bahn, um nach Antwerpen transportiert zu werden. Wenn sie sich dort gewöhnten, ist es besser wie hier. Sind sie doch auch nicht mehr Herr im Hause. Militär und immer Soldaten.

24. Dezember 1917

Weihnachtsabend. Heute abend hatten wir Fest. Haben uns die Heimwehgedanken durch Biertrinken verscheucht.

25. Dezember 1917

Habe heute Urlaub genommen nach Brügge. Bin heute morgen abgefahren, kam um Mittag in Brügge an. Schon der Stil des Bahnhofs deutet hin auf das Schöne, was ich heute sehen soll. Vor dem Bahnhof im Soldatenheim, wo ich kurze Rast hielt, sitzen Soldaten am Ofen und träumen von der Heimat. In der Ecke steht ein Christbaum. Kinder verkaufen Ansichtskarten. Ein Apfel und Butterbrot, welches ich ihnen teile, mundet ihnen vorzüglich. Ich machte einen Spaziergang durch die Hauptstraße und staune wie ein Glockenspiel seine holden Weisen über die Stadt tönen lässt. Nachher besuche ich die Hauptkirche, wo gerade der Bischof eine Andacht hält. Ein kaufmännischer Verein singt und spielt schöne Weihnachtsweisen. Das Ehre sei Gott klingt aus den Kinderkehlen wie Himmelsmusik. Auch höre ich die bekannte Melodie: Herbei, oh ihr Gläubigen. Nachher habe ich meinen Spaziergang fortgesetzt, habe den alten Marktplatz mit dem Belfried bewundert, die alten Giebelhäuser, Rathaus und die anderen Herrlichkeiten. Abends war ich in Alt-Brügge im Konzert. Ein großer Christbaum brannte, eine Zivilkapelle spielte, ein schöner Weihnachtsabend im Kriege. Wer hätte daran gedacht, dass ich Weihnachten in Brügge verlebte.

31. Dezember 1917

Das Jahr ist hin. Was soll man sagen? Ob wir in diesem kommenden Jahr Frieden bekommen? Wann wird die Welt vernünftig werden?


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