Teil 16 der Weltkriegsserie „Hier ist die Hölle auf Erden“


Gesmold. Ein Rückblick auf den Ersten Weltkrieg aus den Aufzeichnungen des Gefreiten Franz Vogt, Kaufmann in Gesmold, Folge 16.

Im Mai 1917 begann die Dritte Flandernschlacht. Sie endete mit unvorstellbaren Verlusten am 6. November.

Franz Vogt notiert in seinem Tagebuch:

8. Juli 1917

„Sonntag. Heute morgen um neun Uhr kam ich von meiner Urlaubsreise in Gent an. Ich war in der Stadt des nachmittags. Vier Uhr fuhr ich dann weiter nach Courtrai, wo ich kurzen Aufenthalt hatte. Kam dann nachher nach Roulers, hatte dort wieder fünf Stunden Aufenthalt. Ich habe mir Gent und die andere Stadt ansehen können. War im Hochamt, heute nachmittag in Roeselare in der Andacht. Mir ist heute so weh ums Herz, ich kann es keinem sagen. Ganz allein stehe ich hier in der fremden Stadt. Nur in der Kirche finde ich Beruhigung und Kameraden. Die Soldaten beten so andächtig, sie fühlen sich auch verlassen und suchen hier Zuflucht. Eine alte Mutter betet dort vor einem Gnadenbild, vielleicht auch für ihre Soldaten. Sie erinnert mich stark an mein Mütterlein. Ich weiß nicht – ich muss weinen. Ich kann nicht anders, wenn ich dran denke. Gestern noch konnte ich bei ihnen sein und heute bin hier so verlassen allein in weiter Welt, wo’s keine Erbarmen und Liebe mehr gibt. Ich bete: Herr, mach’ Ende diesem Jammer. Du kannst es und wirst es, auf Dich baue ich. Oh Herr, jetzt wo die ganze Welt in Hass und Rachsucht kocht.“

20. Juli 1917

„Die Ecke wird immer gefährlicher hier. Der Engländer, im Gegensatz zum Belgier, schießt alles kaputt. Bis jetzt haben die Leute bis an die vordersten Stellungen gewohnt. Man sah aber dieser Tage Flüchtlinge, alles im Stich lassend, querfeldein laufen. Traurig, aber nicht zu verhindern. Die Felder waren mit Fleiß bis an die Stellung bestellt. Alles fällt dem Kriege zum Opfer. Kaum sind die Bewohner geflüchtet, so stellen sich Soldaten ein, um zu plündern. Mit den, den Besitzern teuren Sachen, wird Hokuspokus gemacht. Soeben machen Soldaten mit Zylinder, Frack und Schirm komische Vorträge. Man verkommt drin. Noch vorige Nacht sind Soldaten im Dorf von Granaten getötet worden und jetzt überall Musik und Ulk. Dabei kann jeden Augenblick wieder eine Kanonade einsetzen. Um der Unschuldigen willen Herr, mach’ diesem Elend ein Ende.“

23. Juli 1917

„Fürchterlich hier. Den ganzen Tag fast schießt der Engländer ins Dorf, auch des Nachts. Dann Fliegerangriffe. Tod und Verderben den ganzen Tag. So war’s noch nie. Wie einem zu Mute ist, wie ängstlich klopft das Herz. Heute hatten wir wieder um zwei Uhr ausrücken müssen. Ich hab Maria gelobt, wenn ich einigermaßen gesund heimkehrte, wollte ich ihr ein schönes Bild setzen und während meines Lebens in Ehren halten. Wie arm und elend ist doch der Mensch in diesem Elend. Gott sei Dank, ich konnte Sonntag noch zur heiligen Kommunion gehen. Unser Herrgott ist der einzige Trost.“

27. Juli 1917

„Wir liegen im Biwak, sollen aber wieder abrücken. Hier ist’s auch nicht mehr sicher. Hier ist die Hölle auf Erden. Das Vieh läuft wild, die Einwohner irren herum. Elend über Elend. Was soll werden! Zum Gott Erbarmen! Die Ernte steht überreif. Kein Mensch denkt mehr an Ernte. Ein schöner Hof nach dem anderen geht zu Grunde.“

29. Juli 1917

„Böse Tage. Die Nacht in Stellung, bei Tage im Biwak. Heute mussten wir nachmittags heraus im schwersten Feuer. Es war schrecklich. Tote Pferde und Menschen überall. Ich habe still mein Leben Gott aufgeopfert. Man will ja so gerne noch leben, aber unter solchen Verhältnissen?“

30. Juli 1917

„Montag. Schon wieder mussten wir in Bereitschaftsstellung vorige Nacht. Die Anmarschwege waren wieder schrecklich übersät mit allerlei Gegenständen, Pferden, Wagen und toten Menschen. Wir rasseln durch, ein wirrer Schreckensweg.“