Wohnungen statt Zelte Wohnungslosenhilfe: Landesweite Aktion auch in Melle

Von Conny Rutsch

In Zelten vor der Petrikirche übernachteten Alexander Kalb, Jonas Pabst, Christian Woelki, Anette Kaiser und Verena Niemeyer von der Wohnungslosenhilfe Melle. Foto: Conny RutschIn Zelten vor der Petrikirche übernachteten Alexander Kalb, Jonas Pabst, Christian Woelki, Anette Kaiser und Verena Niemeyer von der Wohnungslosenhilfe Melle. Foto: Conny Rutsch

Melle. Campen vor der Petrikirche? Das war für die Meller Bürger am Freitagabend ein ungewohnter Anblick. Vor der Kirchentür hatten Anette Kaiser von der Ambulanten Wohnungslosenhilfe Melle, getragen vom Diakonischen Werk und Stadt und Landkreis Osnabrück, und einige Mitarbeiter ihre Zelte aufgeschlagen.

Rund um eine idyllisch wirkende Feuerschale und bei Kerzenschein nahmen sie an der niedersächsischen Aktionswoche der Zentralen Beratungsstelle der Wohnungslosenhilfe teil, die unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Stephan Weil stand.

Mit Einbruch der Dunkelheit wartete die kleine Gruppe an einem Informationsstand darauf, dass und ob überhaupt Meller Bürger zur Kirche kommen und sich über die Not der Wohnungslosen berichten ließen. Und nicht nur das: Auch zum Schlafen „auf Platte“ hatten sie eingeladen.

Jemand, der eine warme Wohnung und ein gemütliches Bett sein Eigen nennt, kann sich wohl nicht vorstellen, wie es ist, auf der Straße zu leben. Leben zu müssen. „Energieschulden sind es oft, die Menschen verarmen lassen“, sagte Heiko Grube, der seine Kollegen vom Diakonischen Werk besuchen kam. Keine Arbeit, keine Wohnung. Das Thema ist nicht neu, aber präsenter als je zuvor. Gerade jetzt, wenn die Nächte lang und kalt werden, müssen die Wohnungslosen geschützte Orte zum Schlafen finden. „650 bis 670 Übernachtungen zählen wir jedes Jahr“, erzählt Anette Kaiser über die Übernachtungsstelle für Wohnungslose in Melle.

„Später am Abend sind wir mit einigen Mellern noch gut ins Gespräch gekommen“, sagte sie im Nachgespräch am Sonntag. Sie sei überrascht gewesen, dass ihre Aktion nachhaltig aufgenommen worden sei. „Einige Vermieter haben uns gesagt, dass sie sich melden werden, wenn sie eine Wohnung für Bedürftige frei haben“, berichtete sie. Wohnungslose, die schon Übergangswohnungen bewohnten, könnten diese mit einem Einzug in eine Mietwohnung für andere Bedürftige frei machen. Es kam aber auch Unkenntnis zutage bei Bürgern, die nicht glauben können, dass Wohnungslose nicht freiwillig dieses Leben führen, weil der „Staat ja doch helfe“.

Und dann krabbelten Anette Kaiser und ihre Kollegen in die Zelte, nachdem sie und die Besucher des Infostands eine heiße Suppe von der „Meller Tafel“ genießen durften. Wie ihr auch schon Wohnungslose berichteten, machten sie ebenfalls die Feststellung, „dass es nicht möglich ist, in der Öffentlichkeit ruhig zu schlafen“. Mit einem Auge und Ohr seien sie immer wachsam gewesen, nicht überfallen zu werden und aufzupassen, dass nichts gestohlen werde.

Wie schon am Abend kamen sie dann zum Frühstück am Samstagmorgen mit Marktbesuchern ins Gespräch. „Unsere Aktion hat sich gelohnt, auch wenn die Nacht nur kurz und nicht erholsam war“, betonte Anette Kaiser und hofft, auch die Verantwortlichen bei der Stadt für mehr Engagement für den sozialen Wohnungsbau aufmerksam gemacht zu haben.