Stützstrümpfe statt Stütze Kulturring Melle: „Ziemlich beste Freunde“ auf der Bühne

Von Petra Ropers

Das Filmplakat zu „Ziemlich beste Freunde“ Archivfoto: dpaDas Filmplakat zu „Ziemlich beste Freunde“ Archivfoto: dpa

Melle. Mit „Ziemlich beste Freunde“ holte der Kulturring am Montag ein echtes Traum-Duo in den Festsaal. Als Kinofilm wurde sie zum Überraschungshit des Jahres 2011. Jetzt begeistert die auf Tatsachen beruhende Geschichte des reichen, vom Hals an gelähmten Philippe und seines Pflegers wider Willen auch auf der Bühne.

Einen Film auf die Bühne zu bringen ist in jedem Fall eine Herausforderung. Einen derart erfolgreichen Film zu adaptieren umso mehr. Doch die Bühnenfassung von Gunnar Dreßler ließ keine Wünsche offen. Mal quirlig-laut, dann wieder nachdenklich-leise zeichnete sie eine Geschichte nach, die – so unwahrscheinlich es auch anmutet – das Leben selbst schrieb. Denn als Inspirationsquelle diente das Leben des früheren Champagner-Unternehmers Philippe Pozzo di Borgo und seines algerischen Pflegers Abdel Sellou.

In der Regie von Gerhard Hess verkörperte Timothy Peach den durch einen Paragliding-Unfall gelähmten Philippe, der an den Rollstuhl und an seine Wohnung gefesselt ist, mit der Welt außerhalb nur noch über Brieffreundschaften kommuniziert und sich trotz Phantomschmerzen und Trauer stets um Fassung und Haltung bemüht. Driss, der aus dem Gefängnis entlassene Kleinkriminelle aus der Vorstadt, will von ihm eigentlich nur eine Unterschrift, die ihm das Arbeitslosengeld sichert.

Doch statt der „Stütze“ erwarten ihn plötzlich die Stützstrümpfe, und der unwillige Bewerber findet sich zu seiner eigenen Verblüffung in der Rolle des Intensivpflegers wider. Laut, aufmüpfig, gnadenlos ehrlich und mitleidlos direkt mischt er das Leben Philippes auf. Als Wirbelwind mit frecher Schnauze und ohne jede Hemmung spielte sich Felix Frenken von der ersten Minute an zielsicher in die Herzen der Theaterbesucher. Ruppig, respektlos und mit zum Teil rabenschwarzem Humor reißt er Philippe aus seiner Isolation.

Unkonventionelle Pflege

Die macht die Bühnenfassung des Erfolgsfilms auch optisch deutlich. Denn die rasanten Aktionen vom Wettlauf mit dem getunten Rollstuhl über die Verfolgungsjagd im Maserati bis zum Tandemsprung mit dem Paragliding-Schirm tauchten nur in Rückblenden auf.

Die Wirkung der unkonventionellen Pflege, die selbst vor einem Joint gegen die Phantomschmerzen nicht zurückschreckt, ist deutlich spürbar – und sie verändert nicht nur Philippe. Auch seine Assistentin Magalie (Sara Spennemann) lässt sich vom frischen Wind anstecken und sogar zu einer heißen Tanzeinlage mit Driss hinreißen.

Das Happy Ende käme geradezu klischeehaft daher, würde es nicht ebenso wie der Beginn auf Tatsachen beruhen. Dazwischen lagen knapp zweieinhalb kurzweilige Stunden, die ein ernstes Thema leicht und heiter auf die Bühne brachten. Dabei glitt die Inszenierung zu keiner Zeit ins Oberflächliche oder Lächerliche ab. Der stürmische und lang anhaltende Beifall insbesondere für das Traum-Duo Peach/Frenken war danach mehr als verdient.