Sanfte Berge mit Braunbären Der Meller Jurek empfängt Freunde in Piwniczna


Piwniczna-Zdrój/Melle Der polnische Kurort Piwniczna-Zdrój, unmittelbar an der Grenze zur Slowakei, bietet ganz andere Reize als Melle und Umgebung. Statt weiten Feldern, Fachwerk, dem sanften Wiehengebirge und Kastenpickert gibt es in Piwniczna Mineralwasserquellen mit Heilwirkung und leckere Mehlspeisen wie „Pieroggie“.

Und es erhebt sich das über 1000 Meter hohe Gebirge „Sandezer Beskiden“, in dessen unberührten Wäldern Braunbären leben und Blaubeeren wachsen. Jerzy Wandzicki, genannt Jurek, fühlt sich in beiden Orten wohl, doch mehrmals im Jahr zieht es den 50-Jährigen, der schon lange in Sondermühlen lebt, in seine frühere Heimat. Dort heißt er auch gerne Freunde aus Melle willkommen.

„Ich weiß nicht, irgendwie bin ich hier ein anderer Mensch“, sagt Jurek, während er im Garten arbeitet. Seine Handwerkslust, sein Drang, ständig etwas zu schaffen – das unterscheidet ihn dort von anderen. Das wissen alle, die ihn kennen und ihn in Piwniczna besucht haben.

Fährt man einmal nach Piwniczna, kann man nachfühlen, was er meint: Die umliegenden Berge mit Almen und Holzhütten wecken Wanderlust. Zapft man sich das Wasser aus der Quelle, die ein paar Hundert Meter entfernt von Jureks Haus aus dem Hang sprudelt, und erfrischt sich damit beim Bergwandern, fühlt man sich gesünder als vorher. Und dann noch die Stärkung mit Rote-Bete-Suppe und frischer Forelle nach der Tour – da will man eigentlich gar nicht mehr weg aus Piwniczna.

Spannende Geschichten

Jureks Familie betreibt eine kleine Pension. „Dudek“, übersetzt Wiedehopf, heißt sie, benannt nach dem Spitznamen von Jureks Sohn Adrian. Vornehmlich polnische Stammgäste machen hier Urlaub. Im Winter kommen sie zum Skifahren, von Frühling bis Herbst zum Wandern.

Direkt hinter der Pension starten gut gekennzeichnete Wanderrouten. Eine achtstündige Tour führt hinauf auf den höchsten Berg der Region, den 1024 Meter hohen Eliaszowka, auf dem ein Aussichtsturm steht, der an den Beutling in Wellingholzhausen erinnert. Dorthin läuft man meist entlang des Grenzstreifens zwischen Polen und der Slowakei.

Immer wieder ergeben sich herrliche Ausblicke auf Piwniczna. Vom Gipfel aus geht es weiter zur Bacowka-Hütte. Die Einkehr dort ist ein Erlebnis: Aus der polnischen Speisekarte wählen die, die der Sprache nicht mächtig sind, auf gut Glück. Durch einen Lautsprecher, der in der urigen Hüttenatmosphäre etwas deplatziert wirkt, ertönt der Aufruf, sobald die Speise fertig ist.

Wer auf Überraschungsmomente beim Essen verzichten will, dem hilft Jurek auch gern aus, indem er ihm Notizen mit Speiseempfehlungen mitgibt. Im kleinen Restaurant „Czercz“, direkt auf der anderen Seite des Baches hinter der Pension „Dudek“, weiß die Küchenchefin schon: „Aha, Gäste mit Zettel in der Hand. Die hat Jurek geschickt.“

Ist im Sommer das Gästehaus voll belegt, grillt und feiert Jurek gerne mit den Urlaubern im Garten. Dann erzählt er spannende Geschichten wie die seiner Mutter, die in den Siebzigerjahren, als Polens Grenzen noch streng bewacht waren, Pferde als Tauschgeschäft in die Slowakei schmuggelte. „Damals befestigten sie die Hufeisen falsch herum, sodass die Spuren aussahen, als sei das Pferd von der Slowakei aus gekommen“, berichtet Jurek.

Ein Feuer wird entfacht, es gibt polnischen Wodka, und manchmal heizen die Nachbarn mit Akkordeon, Geige und Kontrabass zusätzlich ein. Startet man dann am nächsten Morgen noch verschlafen zu Ausflügen ins historische Städtchen Stary Sacz oder zur Burgruine Rytro, begegnet einem Jurek womöglich schon wieder voller Elan tatkräftig im Garten. „Ich weiß nicht, irgendwie bin ich schon fit. Ich fühle mich hier halt anders“, sagt er dann und schmunzelt.