Biogasanlagenbauer aus Melle Bioconstruct befürchtet Umsatzeinbruch von 40 Millionen Euro

Von Jean-Charles Fays

Bioconstruct leidet unter der Kürzung der Biogas-Förderung: Bioconstruct-Chef Henrik Borgmeyer muss rund 40 Mitarbeiter entlassen.Foto: Gert WestdörpBioconstruct leidet unter der Kürzung der Biogas-Förderung: Bioconstruct-Chef Henrik Borgmeyer muss rund 40 Mitarbeiter entlassen.Foto: Gert Westdörp

Osnabrück/Melle. Der Chef des Meller Biogasanlagenbauers Bioconstruct, Henrik Borgmeyer, rechnet mit einem Umsatzeinbruch von rund 40 Millionen Euro. Nach der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) wird die Förderung für Biogasanlagen um rund 40 Prozent reduziert. Borgmeyer sagt im Gespräch mit unserer Zeitung, dass ihn das dazu zwingt, im kommenden Jahr die Hälfte der Mitarbeiter zu entlassen.

Einer der größten Biogasanlagenbetreiber Europas, AC Biogas aus Münster, ist insolvent. Nach der EEG-Novelle im August wurde die Förderung für Biogasanlagen um 40 Prozent reduziert. Droht auch Bioconstruct als einer der fünf größten deutschen Biogasanlagenbauer die Insolvenz?

Bei AC Biogas hat die Insolvenz andere Ursachen wie zum Beispiel die hohen Rohstoffpreise auf dem Agrarmarkt. Uns trifft die Reduzierung der Förderung als Biogasanlagenbauer direkt. Wir haben pro Jahr im Schnitt 30 Biogasanlagen gebaut. Insgesamt haben wir über 200 in Deutschland und Europa errichtet. Wir gehen davon aus, dass in Deutschland im kommenden Jahr überhaupt keine neue Anlage mehr gebaut wird. Wir werden vom Auslandsgeschäft und von Servicedienstleistungen leben müssen, werden aber nicht insolvent gehen – nicht zuletzt deswegen, weil wir schon 20 eigene Biogasanlagen betreiben und durch die konstante Förderung für die nächsten 20 Jahre auch eine relativ konstante Einnahme verzeichnen.

Wie hoch ist der Umsatzeinbruch bei Ihnen?

Rund 30 Prozent vom Umsatz kommen aus dem Ausland. Wir gehen aber davon aus, dass wir einen Teil des Umsatzeinbruchs im Inland kompensieren können, sodass wir mit einem 50-prozentigen Umsatzeinbruch rechnen. Wir haben die vergangenen Jahre 70 bis 80 Millionen Euro Umsatz pro Jahr gemacht und gehen im nächsten Jahr von circa 35 Millionen Euro Umsatz aus.

Werden Sie Personal entlassen?

Wir haben unser Personal auf Betriebsversammlungen schon darüber informiert, dass wir bis Mitte kommenden Jahres etwa der Hälfte unserer Mitarbeiter kündigen müssen. Das Problem ist, dass jeder bis zum 31. Juli, also bis zum Inkrafttreten des neuen EEG-Gesetzes, schnell seine Biogasanlage fertig haben wollte, damit er noch ins alte Gesetz fällt. Es hat eine unglaubliche „Endrallye“ stattgefunden. Daher haben wir dieses Jahr noch 25 bis 30 Anlagen gebaut und hätten dafür 180 Leute beschäftigen können, aber ohne Perspektive wäre es fahrlässig gewesen, noch aufzustocken. Im Moment haben noch alle sehr viel Arbeit damit, die alten Projekte fertigzustellen. Sobald diese Geschäfte abgeschlossen sind, werden wir leider die Hälfte der Belegschaft, also circa 40 Mitarbeiter, entlassen müssen. Dazu kommen Entlassungen bei unseren Subunternehmern und Dienstleistern von etwa 250 Mitarbeitern.

Wie können Sie die Mitarbeiter jetzt noch motivieren?

Die Stimmung ist natürlich entsprechend schlecht. Die Mitarbeiter ziehen aber noch gut mit. Sie haben Verständnis dafür und sagen, der „Gesetzgeber will kein Biogas mehr, da kannst du jetzt auch nichts für“. Es ist sehr bedauerlich, dass jetzt so viel Know-how der Branche verloren geht. Es gibt noch so viele Länder, die immenses Potenzial für Biogasanlagen haben. Deutschland hat 8000 Biogasanlagen und im ganzen restlichen Europa gibt es nicht einmal die Hälfte. Da aber fast alle Mitarbeiter, die unser Unternehmen verlassen, nicht in der Branche bleiben werden, wird es immer unwahrscheinlicher, dass das europäische Potenzial von Deutschland aus erschlossen wird und hier zur Wertschöpfung beiträgt. Da hat die Politik zu kurz gedacht.

Warum produzieren Sie nicht einfach mehr Biogasanlagen für das Auslandsgeschäft?

In Frankreich, England oder Polen reden wir gar nicht davon, Mais in Biogasanlagen zu kippen, sondern da gibt es immense Abfallströme, die überhaupt noch nicht verarbeitet sind. Wir reden dort über Lebensmittelabfälle, Schlachtabfälle, Getreideabfälle und noch viel mehr, das man mit Biogasanlagen verarbeiten könnte. Trotzdem braucht Biogas immer auch einen gewissen Einspeisetarif und eine gewisse finanzielle Förderung. Es ist zurzeit in sehr vielen europäischen Ländern wirtschaftlich einfach nicht möglich, erneuerbare Energien zu fördern. Das Geschäft in weiter entfernten Ländern wie China aufzubauen wäre hingegen zu aufwendig, da auf solche Entfernungen Projekte unserer Größe nicht wirtschaftlich gemanagt werden könnten. Hinzu käme das Problem, dass wir dort vielleicht drei bis vier Anlagen bauen könnten, die dann von regionalen Anbietern kopiert und billiger angeboten würden.

Insgesamt 86 Biogasanlagen stehen im Landkreis, die meisten in Melle (15 Anlagen), Bohmte (8) und Bramsche (7). Wie viele haben Sie davon gebaut?

Wir haben elf Anlagen im Landkreis Osnabrück gebaut, davon fünf in Melle.

Wenn Sie nicht mehr damit rechnen, neue Anlagen zu bauen, werden im Landkreis Osnabrück dann auch keine neuen hinzukommen?

Nein, es kommen keine neuen hinzu. Es gibt aber einen Lichtblick. Das große Thema ist die Flexibilisierung der Anlagen. Früher hatten Biogasanlagen immer eine konstante Leistung. Nun gehen wir dazu über, am Bedarf zu produzieren. Das gelingt dadurch, indem wir die Leistung des Blockheizkraftwerks – also des Strom- und Wärmegenerators – verdoppeln, ohne mehr Rohstoffe wie etwa Mais einzusetzen. Das ist in der Biogasanlage in Melle-Riemsloh beispielsweise schon der Fall. Da die an die Biogasanlage angeschlossenen Wärmeabnehmer im Winter deutlich mehr Wärme benötigen, wird die Anlage hoch- und im Sommer entsprechend runtergefahren. In Melle-Riemsloh füttern wir die Anlage im Sommer daher mit zehn Tonnen pro Tag und im Winter mit 60 Tonnen pro Tag. Bei den Biogasanlagen, die wir betreiben, verkaufen wir unseren Strom jetzt auch an der Strombörse. Wir verkaufen den dann zu Zeiten, in denen der Strom knapp und teuer ist. Das führt dazu, dass die Biogasanlagen vorwiegend in den Morgen- und in den Abendstunden laufen. In den Mittagsstunden ist der Strom gerade im Sommer besonders billig, weil viel Sonnenenergie da ist, und nachts ist er besonders billig, weil nur ein geringer Verbrauch stattfindet. Das von der Anlage in dieser Zeit produzierte Gas wird währenddessen in Gasspeichern zwischengelagert. Bei den Zukunftsmodellen läuft die Biogasanlage gerade dann, wenn Wind und Sonne nicht liefern. Die leichte Speicherbarkeit von Biogas ist einzigartig. Wir als Anlagenhersteller wollen davon profitieren, weil viele Biogasanlagen nun aufgerüstet werden müssen.