„Deutschland bietet Chancen“ Irak-Flüchtling macht Karriere in Bruchmühlen


Bruchmühlen. Nach einer persönlichen Odyssee ist Nur Abdu in Deutschland angekommen, „Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland. Dieses Land bietet so viele Chancen für junge Menschen,“ sagt die 23-jährige Bruchmühlenerin. Ende 2001 ist die gebürtige Irakerin eingereist und hat seitdem eine erstaunliche Karriere gemacht.

1990 in der irakischen Hauptstadt Bagdad geboren, wanderte Nur Abdu schon 1993 aus. Da ihre Familie einer Minderheit im Land, der chaldäisch-katholischen Glaubensgemeinschaft, angehörte, entschied sich der Vater zur Flucht in die Türkei.

Es war eine Entscheidung mit Weitblick, denn nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 setzte ein wahrer Exodus unter den Christen ein. Von ehemals 1,5 Millionen Christen leben heute nur noch schätzungsweise 250000 im Irak. Die Dagebliebenen werden verfolgt, ihre Priester entführt und ermordet. Auch ein Großneffe von Nur Abdu wurde getötet.

In der Türkei fand Nur Abdu mit ihren Eltern und ihren acht (!) Geschwistern knapp sieben Jahre Unterschlupf, ehe sie auf abenteuerliche Weise nach Deutschland flüchteten. „Wir sind illegal im Waggon eingereist“, erinnert sie sich. Einquartiert wurde sie in das Flüchtlingslager Oldenburg. Da sie Bekannte im Raum Paderborn hatten, erfolgte die Umsiedlung nach Bruchmühlen.

Hier besuchte das achte von neun Kindern der Familie Abdu erstmals eine Schule. „Ich ging zur Lindenschule in Buer. Wegen meiner Sprachschwierigkeiten von der fünften bis zur achten Klasse ohne Noten“, sagt Nur. „Da hab ich sehr vom Förderunterricht bei Herrn Frühauf profitiert“, erinnert sie sich. Heute beherrscht sie gleich sieben Sprachen (Arabisch, Chaldäisch, Türkisch, Griechisch, Englisch, Französisch, Deutsch).

Nach dem Realschulabschluss begann sie im Salon Klier in Melle eine Lehre als Friseurin. 2011 schloss sie diese Ausbildung ab – als Innungs- und Kammersiegerin. „Da habe ich mir gedacht, diesen Job willst du nicht für ewig machen.“ Sie hörte von dem Angebot, am Abendgymnasium in Osnabrück ihr Abitur zu erlangen, bewarb sich und wurde angenommen.

„Beste Wahl des Lebens“

„Das war die beste Wahl meines Lebens“, bewertet sie ihre Entscheidung heute. Am Sophie-Scholl-Gymnasium traf sie auf einen ausgezeichneten Schulleiter: „Helmut Schumacher ist der beste Direktor der Welt. Er hat uns so viel beigebracht“, strahlt sie. Das Büffeln hat sich gelohnt: Im Juni legte sie ein gutes Abitur ab. „Ich war beeindruckt von ihrer Zielstrebigkeit und Lebensbejahung, die sie trotz ihrer persönlichen Odyssee ausstrahlt“, lobt Schumacher.

Für Nur Abdu („Ich kann nicht zu Hause sitzen, ohne etwas zu tun“) hat die beschäftigungslose Zeit hoffentlich bald ein Ende. „Ich habe mich an der Universität Osnabrück für die Fächer Kosmetologie und Biologie auf Lehramt beworben. „Ich möchte gerne an der Berufsschule unterrichten“, sagt Nur Abdu, die sich aber auch andere Berufswege offen lässt: „Vielleicht eröffne ich später mit meiner Schwester mal ein Friseursalon.“

Ihre Eltern leben noch in Buer, ihre Schwestern sind auf dem Globus inzwischen weit verstreut: „Eine lebt in Kanada, zwei in Australien“, berichtet sie.

Und sollten ihre Wünsche in Erfüllung gehen, will sie sich einen großen Traum erfüllen. „Wenn ich erst einmal das Geld habe, möchte ich viel reisen. Jedes Jahr in ein anderes Land“, sagt sie. Und wer dabei in ihre strahlenden Augen blickt, der weiß: Sie wird es schaffen.


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