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„Elkawe“ liebt Lkw Früher Fernfahrer, heute schreibt Ter Heide aus Melle für Wikipedia

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Melle. In seinem ersten Leben lag Gregor Ter Heide als Fernfahrer auf der Straße. Heute ist er auf der Datenautobahn unterwegs. Als „Elkawe“ schreibt der 60-Jährige aus Melle seit 2006 für das Online-Lexikon Wikipedia. Sein Benutzername ist Programm: Ter Heides Herz gehört dem Lkw. Und er sprüht vor Begeisterung, wenn er von seinem Lieblingsprojekt erzählt: Mit anderen Mitgliedern der Wikipedia-Community arbeitet er an der Geschichte der Nutzfahrzeuge von 1885 bis heute.

Die Geschichte des freien Online-Lexikons ist dagegen jung. Wikipedia feiert heute ihren 10. Geburtstag. Als Ter Heide 2006 zu der Community stieß, waren bei Wikipedia Deutschland circa 370000 Beiträge eingestellt. Heute umfasst die deutschsprachige Version über eine Million Artikel mit insgesamt 600 Millionen Wörtern. Das sind 18-mal mehr, als die 30-bändige Brockhaus-Ausgabe enthält. Online ist Wikipedia inzwischen das meistgenutzte Nachschlagewerk. und rangiert auf Platz sieben der meistbesuchten Websites.

Den gigantischen Erfolg verdankt Wikipedia Menschen wie Gregor Ter Heide: Durchschnittlich vier bis fünf Stunden täglich arbeitet der erwerbsunfähige Fernfahrer an den Beiträgen. Von sich selbst sagt er: „Ich bin ein Überzeugungstäter. Die Vorstellung, dabei mitzuhelfen, das gesamte Wissen der Welt zu sammeln, finde ich einfach faszinierend.“

Ohne eine gehörige Portion Begeisterung geht es bei Wikipedia auch nicht. Die Autoren arbeiten unentgeltlich. Und es geht nicht nur darum, eigene Beiträge zu verfassen. Die Einträge der anderen Community-Mitglieder müssen auch noch gemeinschaftlich korrigiert, erweitert und aktualisiert werden. Das macht nicht nur Arbeit. Es erzeugt auch Druck. „ Beim Schreiben eines Artikels kann es durchaus sein, dass mir 1000 Augen virtuell über die Schulter schauen“, sagt Ter Heide. Das kann eine enorme Belastung sein.“

In den Gründerjahren war das alles noch viel einfacher. Inzwischen gibt es ein kompliziertes Regelwerk für die Veröffentlichung von Beiträgen. Das macht es vor allem für Einsteiger viel schwerer, neue Inhalte beizutragen. . Deshalb gibt es inzwischen ein Wikipedia:Mentorenprogramm, dessen Inanspruchnahme allen Neuen zu empfehlen ist.Von den 1140000 bei der deutschsprachigen Wikipedia registrierten Nutzern gelten nur etwas mehr als 1000 als besonders aktiv. Das Internet-Lexikon plagen erhebliche Nachwuchssorgen.

Viele Beobachter führen dasaber auch auf den zum Teil sehr rüden Ton einiger Community-Mitglieder bei Diskussionen zurück. „Da wird zum Teil mit sehr harten Bandagen gekämpft“, weiß auch Ter Heide. Am schlimmsten sei die Respektlosigkeit einiger im Umgang mit anderen Menschen. „Wenn Wikipedia irgendwann einmal scheitern sollte, dann aus diesem Grund.“ Da könne es passieren, dass einer einen fachlich tollen Text schreibt, und „dann wird er von irgendwelchen Schnöseln vorgeführt, nur weil er ein Komma falsch gesetzt hat“.

Besonders gefürchtet sind die Löschdiskussionen. Sie können von jedem gestartet werden, der einen Artikel für nicht relevant genug hält.Sieben Tage ist jeder auch ohne Anmeldung eingeladen, seine Argumente für oder wider vorzubringen. Am Ende wird dann nicht ausgezählt, sondern die Qualität der Argumente wird bewertet und dann entschieden. Das ist Aufgabe der etwa 300 Administratoren, die von der Wikipedia-Community gewählt werden und mit besonderen Rechten ausgestattet sind.

Zusätzlich wird derzeit auch über die Bildung von Prüferkommissionen für verschiedenen Themenbereiche diskutiert, die jeden Text noch mal genau unter die Lupe nehmen sollen, bevor er veröffentlicht wird, erzählt Ter Heide. Da er über besondere Kenntnisse im Bereich Transport und Verkehr verfügt, könne er sich vorstellen, dass er von der Community in eine solche Kommission gewählt würde.Auch Ter Heide musste bereits Löschdiskussionen über sich ergehen lassen. Und es war kein Zufall, dass es ihn bei einem Thema traf, das ihn auch persönlich stark berührte. Als ehemaliges Heimkind hatte er einen Beitrag über die Don-Bosco-Jugendhilfe verfasst. Kaum hatte er ihn hochgeladen, prasselten die Vorwürfe auf ihn nieder. Nicht ganz unberechtigt, wie er heute zugibt.

Denn durch seine persönliche Betroffenheit hatte er, ohne es zu merken, beim Schreiben das Grundprinzip des neutralen Standpunkts (NPOV für neutral point of view) verletzt. Um seinen Beitrag zu retten, überließ es Ter Heide einem anderen Community-Mitglied, den Artikel zu überarbeiten und zu neutralisieren. „Ein Verstoß gegen NPOV ist das größte Vergehen, das man bei Wikipedia begehen kann“, sagt Ter Heide. Der einerseits einsieht, dass ein Lexikon neutral sein muss, andererseits aber bedauert, dass „meine ganzen persönlichen Erfahrungen verloren gehen“. Noch ärgerlicher sei es aber, wenn sogenannte „Sockenpuppen“ (Nutzer mit mehreren Identitäten) Scheindiskussionen inszenierten und so die notwendigen Entscheidungsprozesse endlos in die Länge zögen, berichtet Ter Heide.

Der 60-jährige Wikipedianer erlebt aber auch schöne Momente, so zum Beispiel, als er bei Recherchearbeiten für einen Lexikoneintrag ein neues Detail zur Entwicklung der Zündspule entdeckte und veröffentlichte. Die Firma Bosch schickte prompt ein Dankesschreiben. „Da war ich richtig stolz“, erinnert sich Ter Heide.

Heute ist Ter Heide zu einer Geburtstagsparty der Wikipedia-Community in Bremen eingeladen. In Deutschland gibt es aus diesem Anlass knapp 20 Treffen. Insgesamt werden zum zehnten Jahrestag in 111 Ländern Feiern der Wikipedianer stattfinden. Und natürlich werden die Partygänger rund um die Welt miteinander vernetzt sein.


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