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Respekt vor: Charlotte Gosch Musik im Herzen und jahrzehntelang den Wind in den Haaren

<p><em>Die Reiselust</em> packt sie auch heute noch: Gerade jetzt ist Charlotte Gosch wieder auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs. Foto: Foto-AG des Gymnasiums</p>

Die Reiselust packt sie auch heute noch: Gerade jetzt ist Charlotte Gosch wieder auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs. Foto: Foto-AG des Gymnasiums

Melle. „Manchmal muss ich einfach ausbrechen!“ Dann fährt Charlotte Gosch kurz entschlossen nach Hamburg – mitten hinein in das vibrierende Leben der Großstadt. Doch nach dem Tapetenwechsel kehrt sie auch gerne wieder zurück nach Melle. Dabei bedeutete der Umzug in den Grönegau für die Großstädterin zunächst eine gehörige Umstellung.

Bereits 1937 ging die gebürtige Baltendeutsche mit ihren Eltern von Lettland nach Schlesien. Acht Jahre später blieb ihr mit ihrer Mutter und den beiden jüngeren Geschwistern kaum Zeit, das Notwendigste zu packen: An einem eisigen Januartag ergatterten sie einen Platz in dem einzigen Zug, der aus Waldenburg in den Westen fuhr. Dabei ahnten sie nicht, dass es ein Jahr dauern sollte, bis sie endlich in Braunschweig einen neuen Anfang wagen konnten.

Leicht war es nicht: „Unsere einzige Sorge war, die beiden Kleinen durchzubringen“, erinnert sich Charlotte Gosch, die bis zur Rückkehr ihres Vaters als 14-Jährige allein den Haushalt führte, während ihre Mutter zur Arbeit ging. Ihre eigene kleine Familie musste sie später zunächst selbst durchbringen – bis ihr Mann sein Chemiestudium in Braunschweig abgeschlossen hatte und eine Anstellung in Bamberg fand.

Der Wechsel von der oberfränkischen Universitätsstadt ins beschauliche Melle kam 1966. Doch die Meller machten ihr die Umstellung leicht: „Wir wurden überall wie in einer Familie aufgenommen!“ Allerdings war Charlotte Gosch an den Wochenenden bald kaum noch im Grönegau anzutreffen: Über dreißig Jahre lang verbrachte sie mit ihrem Mann jede freie Minute mit dem Wind in den Haaren, dem Geschmack von Salz auf den Lippen und der Weite des Meeres im Blick.

Die leidenschaftlichen Segler legten im Laufe ihrer vielen Törns in beinahe jedem Hafen der Ostsee an. Und oft zog das Fernweh sie sogar noch weiter hinaus – zu drei Reisen quer durch Australien, nach Burma und ins Baltikum, wo sie auch das Haus ihres Vaters besuchte. Trotzdem fand Charlotte Gosch noch Zeit, sich daheim im Vorstand des deutsch-baltischen Freundeskreises zu engagieren, im Kunstverein und im Madrigalchor. „Die Musik ist mein Leben“, sagt die 81-Jährige, die nach dem Tod ihres Mannes von ihrer Familie aufgefangen wurde und im Chor, ebenso wie von vielen Seiten Halt und Unterstützung erfuhr.

Die Liebe zur Musik begleitet sie bereits ihr ganzes Leben lang: Schon zur Studentenzeit nutzte das junge Ehepaar jede Gelegenheit, um ins Konzert zu gehen, auch wenn das Geld meist nur für einen Stehplatz reichte. Und noch heute lässt Charlotte Gosch in Melle kaum ein Konzert aus – wenn sie nicht gerade selbst mit dem Madrigalchor auf der Bühne steht.


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