zuletzt aktualisiert vor

Ein bewegender Abend Das Leben von Georg und Elisabeth Bodenheim

Meine Nachrichten

Um das Thema Melle Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Melle. Einen bewegenden und informativen Abend erlebten am Montag die Zuhörer einer Veranstaltung in der Posthalterei, die sich an die Verlegung der Stolpersteine zu Ehren des Ehepaares Georg und Elisabeth Bodenheim (wir berichteten) anschloss.

In einer inhaltlich und zeitlich geschickten Abfolge standen Beiträge im Vordergrund, mit denen Ursula Mühle-Moldon und Elmar Schürmann die Situation des Ehepaares Bodenheim in den zeitlichen Kontext stellten. Ursula Mühle-Moldon ist die Großnichte von Georg Bodenheim und las aus seinen Tagebüchern. Elmar Schürmann, ehemaliger Präsident des Landgerichtes Osnabrück, ist als Fachmann bei der Aufarbeitung der Verstrickung der deutschen Justiz in das NS-Regime bekannt.

Heimatforscher Uwe Plaß verwies in seiner Begrüßung für den Initiativkreis Stolpersteine auf die europaweite Bedeutung der Aktionen rund um den Kölner Bildhauer Gunther Demnig. „Bodenheim hat für Melle sehr viel getan“, betonte Plaß und regte eine Straßenbenennung für den ehemaligen jüdischen Meller Amtsgerichtsrat an. Auch seine nicht jüdische Frau Elisabeth, eine geborene Starcke, sei von den Demütigungen ab 1930 bis zum Tod Bodenheims betroffen gewesen. „Aber sie hat immer zu ihm gehalten“, betonte Plaß. Er hatte auch eine aufschlussreiche Ausstellung über Bodenheim konzipiert, die im Vorraum der Posthalterei gezeigt wurde.

Ursula Mühle-Moldon hatte den Nachlass der Bodenheims an den Heimatverein übergeben. Darunter befinden sich auch sechs Tagebücher, in denen Bodenheim von 1921 bis 1940 seine Erinnerungen festhielt. „Sie zeigen seinen Weg von hoher gesellschaftlicher Anerkennung bis hin zu seinem beschämenden Tod“, erklärte seine Großnichte. Ihre Ausführungen wurden von Privatbildern der Bodenheims unterstützt, die ihr Sohn Lukas (13) per Power-Point auf der Leinwand präsentierte.

1867 in Bad Soden/Allendorf geboren, wurde Bodenheim 1903 Amtsrichter in Melle. Bereits 1895 war er zum christlichen Glauben konvertiert. 1909 heiratete er Elisabeth Starcke. Er war Mitglied in allen wichtigen Meller Vereinen, gründete den Heimatverein, engagierte sich in der Meller Clubgesellschaft, gab heimatkundliche Schriften heraus und vertrat als 1. Kreisdeputierter häufig Landrat Gossel. „Ab 1930 spürte er die Wende in seinem Leben“, fasste die Rednerin Tagebuchinhalte mit einem Zitat Bodenheims zusammen, in dem er von „dunklen Wolken des aufziehenden Nationalsozialismus“ schrieb.

Hier setzte Elmar Schürmann an. Es gebe von Bodenheim zwar keine Personalakte, denn die Akten jüdischer Richter wurden systematisch vernichtet. Bodenheim sei zwar schon von Amts wegen Hochachtung entgegengebracht worden, aber: „Er genoss darüber hinaus durch sein Wirken hohes Ansehen.“ Bodenheim sei heimat- und geschichtsverbunden und eher national eingestellt gewesen. Das alles habe ihn aber nicht vor dem „aufziehenden triefenden Rassismus“ ab 1930 geschützt.

1932 beantragte Bodenheim seine vorzeitige Pensionierung, um sich als Anwalt betätigen zu können, berichtete Ursula Mühle-Moldon. Die Kanzlei lief von Anfang an schlecht. Anfang 1933 vertrat Bodenheim den Landrat ein letztes Mal. Schürmann steuerte die folgende Nazi-Gesetzgebung bei: Ermächtigungsgesetz, Gesetz über Zulassung der Rechtsanwaltschaft, „Reichsfluchtsteuer“ und Nürnberger Gesetze.

Bodenheim erlebte mit, wie sich Bürgerschaft und Freunde abwandten, er auf der Straße nicht mehr gegrüßt und Fensterscheiben seines Wohnhauses an der Gesmolder Straße 21 eingeworfen wurden. „Wir sind aus der Welt ausgeschlossen“, notierte er 1939 nach Streichung aus dem Adressbuch verbittert. 1940 folgte Hausarrest. 1941 verweigerte ihm nach einem Oberschenkelhalsbruch das ev. Krankenhaus die Behandlung, und Dr. Heilmann brachte ihn heimlich im kath. Krankenhaus unter, wo er wenig später starb.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN