Von Melle über Münster in die USA Familie fährt im Feuerwehrauto zehn Monate durch Nordamerika

Freies Campen in der Wüste von Arizona: Familie Hellmann.Freies Campen in der Wüste von Arizona: Familie Hellmann.
Selfie Familie Hellmann

Melle. Rund 38.000 Kilometer in zehn Monaten, vier Personen auf 15 Quadratmetern und 31 Staaten in einem 40 Jahren alten Feuerwehrauto bereist: Hinter Familie Hellmann liegt ein unvergessliches Abenteuer.

"Das ist kein Urlaubsgefühl, sondern ein neues Lebensgefühlt", beschreibt Ina Hellmann ihre Erlebnisse, die sie auf 270 Seiten in ihrem Buch "Hinten ist schon ganz weit weg" zusammengefasst hat. Die gebürtige Mellerin, deren Mädchenname Tiemann lautet, lebt inzwischen mit ihrem Ehemann Stefan und den beiden Töchtern Martha (13) und Edda (9) in Münster, ist aber mit dem Grönegau fest verwurzelt, denn dort leben ihre Eltern und ihre Schwester mit Familie.

Simone Grawe
Zehn Monate waren Martha, Stefan, Ina und Edda Hellmann mit ihrem Feuerwehrauto in Nordamerika unterwegs.

Hinter dem Lehrerehepaar und den beiden Mädchen liegen aufregende und abenteuerliche zehn Monate, die sie im Juli 2018 über den großen Teich nach Kanada und in die USA führten. Neun Jahre Auslandsschuldienst in Spanien waren für Ina Hellmann zu Ende, und die Rückreise nach Deutschland stand unmittelbar bevor. Ihr Ehemann, Lehrer für Biologie und Sport, befand sich in Elternzeit. Warum sollte man die Rückkehr nicht einfach ein klitzekleines bisschen ausdehnen? Ein kleiner Umweg über Nordamerika, das klang verlockend.

Ina Hellmann
Unterwegs auf dem Moki Dugway in Utah.

Aus einem scheinbar dummen Gedanken entwickelte sich ein fester Plan. Die Eltern entschieden sich gegen die Rückkehr und stattdessen für eine Reise, die sie über einen ganzen Kontinent führte. Zunächst musste ein geeignetes Fahrzeug her. Stefan Hellmann wurde im Internet fündig, wo ein 40 Jahre altes Feuerwehrfahrzeug, ein sogenanntes Breitmaul, angeboten wurde. Der betagte Mercedes 608, 89 PS und knapp sieben Tonnen schwer, hatte als Mannschaftswagen auf dem Gelände des Atomkraftwerks in Schweinfurt seinen Dienst getan: "Diese dicke Feuerwehr, die ist es! Die müssen wir haben! Das wird unser künftiges Reisegefährt!" schwärmt Ina Hellmann in ihrem Vorwort. Fortan war "die Dicke" ihr Zuhause – in den Staaten viel bestaunt und oftmals der Opener für Kontakte.

Ina Hellmann
Ein Zuhause für zehn Monate: Edda und Martha mit Papa Stefan beim Aufbau der Dachboxen.

Von Hamburg aus überquerte "die Dicke" den Atlantik mit dem Schiff, ehe sie von Familie Hellmann in Halifax/Kanada in Empfang genommen werden konnte. Das Gefährt verfügt über alles, was man braucht: ein großer Tisch, zwei gute Heizungen und drei gemütliche Betten. Bei der Ankunft galt es, ein paar kleine Umbauten vorzunehmen und die Dachboxen zu installieren, und dann ging es los – quer durch Kanada: Angefangen an der Ostküste, dann durch Ontario, weiter Richtung Mitte und den Westen nach Vancouver: "Zwischendurch bekamen wir immer wieder Besuch. Vier Wochen ein Neffe, drei Wochen eine Nichte. Dann  zwei Wochen in Vancouver von meinem Vater und sogar drei Monate lang von meiner Schwester aus Gesmold", erzählt Ina Hellmann. Alle haben nach und nach in der Dicken genächtigt.

Ina Hellman
Auf der Promenade in Miami in Florida.

Dieses Gefährt wurde so manches Mal auf eine harte Probe gestellt, ergänzt Stefan Hellmann. Bei einem starken Sturm in Oregon musste die Familie evakuiert werden, dicke Jacken waren angesagt, und bei einem Schneesturm über dem Wolf Creek Pass in Colorado legte der Familienvater bei minus 40 Grad Schneeketten an, um den Pass überhaupt überqueren zu können. Die Alternative wäre ein Umweg von 600 Meilen gewesen.

Ina Hellmann
Schneesturm über dem Wolf Creek Pass in Colorado: Stefan Hellmann muss Schneeketten aufziehen.

Brenzlig auch die Situation am Strand vor Long Beach in Oregon, wo sich die Dicke am Strand festgefahren hatte (eigentlich war es natürlich der Fahrer): "Am Tag zuvor war die Flut fast bis zu dieser Stelle gelangt, voll die Katstrophe, aber zum Glück haben uns viele hilfsbereite Menschen aus der schwierigen Situation befreit", erinnert sich Ina Hellmann.

Riss in der Windschutzscheibe

Ein anderes Mal hatte es so heftig geregnet, dass das Dach undicht wurde und das Fahrzeug in der Folge halb auseinander genommen werden musste. Auch hier war der Sachverstand des Fahrers gefragt: "Und dann ist noch die Windschutzscheibe gerissen. Der Schaden ließ sich nicht reparieren, denn unsere Dicke ist gefühlt das einzige Modell, das in den Staaten unterwegs ist. So habe ich den Riss mit einem Tape zusammengehalten", berichtet Stefan Hellmann.

Ina Hellmann
Festgefahren am Strand von Long Beach in Oregon.

Und dann war da noch die Passüberquerung in der Nähe von Vancouver, die das fast sieben Tonnen schwere Gefährt nur so langsam bewältigen konnte, dass sich in der Folge eine Riesenschlange hinter ihm aufbaute.

Interessante, durchgeknallte und gastfreundliche Menschen: Diese Eindrücke hätten sich wie ein roter Faden durch die abenteuerliche Reise gezogen, sind sich die Hellmanns einig: "Wir haben ganz tolle Begegnungen mit vielen Menschen gehabt. Etliche von ihnen haben uns als crazy Germans bezeichnet", schmunzelt Ina Hellmann.

Familie Hellmann
Edda und Martha im Fluss Miramichi in Kanada.

Faszinierende Begegnungen gab es allerdings nicht nur mit unzähligen Menschen, sondern auch mit vielen Tieren: "Als wir unser Kanu auf einem See in Kanada ausprobieren wollten, entdeckten wir eine große Schnappschildkröte vor uns. Edda wollte daraufhin nicht mehr in dem See baden", blickt die Mutter zurück. In bleibender Erinnerung sind zudem die Schwarzbärbabys, die im Algonquin Provincial Park in Ontario auf das Dach des Feuerwehrwagens kletterten, oder die Streifenhörnchen, die beim Home Schooling über Marthas Tagebuch hüpften.

Ina Hellmann
Ein Streifenhörnchen huscht über das Tagebuch von Martha.

"Wir haben auch Seeelefanten und Seekühe gesehen, sind mit Delfinen geschwommen und haben vom Boot aus Wale und Alligatoren beobachtet", fügt Martha hinzu.

"Über mir die Adler, unter mir die Schnappschildkröte, vor mir der Horizont – und hinten?" führt Ina Hellmann in ihrem Vorwort aus: "Hinten ist schon ganz weit weg", meinte Edda begeistert, die damit unbewusst den Titel für das Buch kreiert hatte. Unterwegssein war zum neuen Lebensgefühl geworden.

Familie Hellmann
Als neugierig erweisen sich die Schwarzbärbabys.

Die Idee für das Buch geht auf den Reiseblog zurück, den Ina Hellmann zunächst mit der Familie und Freunden geteilt hat, ehe der Leserkreis immer größer wurde. Auch Martha und Edda, die damals neun und fünf Jahre alt waren, haben fleißig Tagebuch geschrieben. Zu den Texten, die die Familie und Freunde täglich auf dem Laufenden hielten, gesellte sich natürlich eine Fülle von Fotomaterial: "Ich habe jeden Abend Fotos aussortiert, andernfalls wären wahrscheinlich rund 20.000 Bilder zusammengekommen", rechnet Stefan Hellmann vor. Geblieben sind am Ende rund 4000 Bilder, die sich auf 100 Ordner verteilen.

Familie Hellmann
Im Tal des Todes in Kalifornien.

Ob sie diese Reise noch einmal machen würden, wenn sich die Gelegenheit ergäbe? Alle vier nicken, wenngleich die Mädchen doch ihre Freunde vermissen würden: "Wir sind froh, dass wir das gemacht haben, die Erinnerungen reichen für mindestens vier Leben", resümiert Ina Hellmann.

Keine Probleme in der Schule

Dass die Familie nahezu ein Jahr reisen konnte, ist dem Umstand zu verdanken, dass es den Wechsel von Spanien nach Deutschland gab. Ina und Stefan Hellmann haben ihre Töchter auf der Reise nach einem bestimmten Wochenplan unterrichtet, und Martha hat ihrer kleinen Schwester bei vielen Sachen geholfen. Nach dem Besuch des Kindergartens in Spanien konnte Edda zum Ende der Reise lesen, schreiben und rechnen und wurde 2019 problemlos in die zweite Klasse, ihre Schwester Martha in die fünft eingeschult.

Familie Hellmann
Tannenbaumschmücken im Saguaro Nationalpark in Arizona.

Das Buch ist in Melle in der Buchhandlung Sutmöller sowie im Fachhandel erhältlich.


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