Vielschichtig wie das Leben "Wunschkinder lässt Lebensentwürfe aufeinanderprallen"

Paraderolle: Martin Lindow spielt in der ARD-Krimi-Serie den „Fahnder“ Tom Wells. Foto: ARDParaderolle: Martin Lindow spielt in der ARD-Krimi-Serie den „Fahnder“ Tom Wells. Foto: ARD
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Melle. Ein Stück so vielschichtig wie das Leben selbst setzte am Dienstag die laufende Spielzeit des Kulturrings fort: „Wunschkinder“ wandelte sich vom heiteren Spiel mit familiären Klischees zur kritischen Auseinandersetzung mit Druck, Erwartungen und Enttäuschungen.

Das nicht eben berauschende Abi liegt schon Monate zurück. Und noch immer hängt Marc in typischer Teenie-null-Bock-Manier zu Hause rum. Der Vater wettert, die Mutter verzweifelt, die Tante wiegelt ab. Und die Zuschauer lachen – noch. Kaum jemand im voll besetzten Saal, der sich nicht an der einen oder anderen Stelle wiederfindet. Denn die Autoren von „Wunschkinder“, Lutz Hübner und Sarah Nemetz, erzählen Geschichten mitten aus dem Leben.  

„Man redet, man baut goldene Brücken, macht Vorschläge, und was sitzt neben einem? Totes Fleisch. Ein Teenager.“ Martin Lindow – TV-bekannt unter anderem als „Der Fahnder“ und Dorfpolizist Sigi Möller aus „Polizeiruf 110“ – hat als Gerd für die Haltung seines Sohnes keinerlei Verständnis.

Erste Liebe

Er selbst ist ebenso zielstrebig wie erfolgreich die Karriereleiter hinaufgeklettert. Und der Sohnemann hat weder Bock noch Plan. Seine Frau Bettine (Carolin Fink) schwirrt wohlmeinend und überbehütend um Marc (Lukas Schöttler) herum. Nur ihre Schwester Katrin (Natascha Hirthe) nimmt Marcs Antriebslosigkeit gelassen.

Die Wende kommt scheinbar mit der ersten Liebe. Selma (Josepha Grünberg) ist das genaue Gegenteil von Marc. Abendschule, zwei Jobs, die Pflege ihrer labilen Mutter (Katharina Heyer): Selma hat alles im Griff. Und durch sie scheint auch Marc endlich „die Kurve zu kriegen“.

Also alle Weichen gestellt für ein Happy End? Weit gefehlt! Denn die Heiterkeit pointierter Dialoge und lakonische Sprüche bröckelt zunehmend. Und unter dem Firniss treten spätestens mit Selmas ungeplanter Schwangerschaft die Brüche zutage – in der Familie, in der Gesellschaft und in jedem Einzelnen. Enorme Intensität

Enorme Intensität

Immer deutlicher zeigt sich in der Regie von Volker Hesse die Verletzlichkeit und Verletztheit der Figuren. Auf sie konzentriert sich in einem bewusst kargen Bühnenbild alle Aufmerksamkeit: Eine treppenartige Metallkonstruktion bildet die ganze Ausstattung. Das Ensemble nutzt diesen Faktor, um mit enormer Intensität und zugleich mit großer Natürlichkeit Generationen und Lebensentwürfe aufeinanderprallen und schließlich auseinander brechen zu lassen.

Fast nebenbei reißt „Wunschkinder“ gesellschaftliche Zu- und Missstände an: Helikopter-Eltern, Entwurzelung, häusliche Pflege und sogar die Flüchtlingskrise finden sich wieder. Ein Happy End hält das Stück in all dem nicht bereit. Der Kontakt zwischen Marc und seinen Eltern bricht endgültig ab, seine Beziehung zu Selma ebenso. Die sei „schmal geworden“, aufgerieben zwischen der Pflege ihrer Mutter, dem Baby und zwei Jobs nebst Schule, stellt Katrin fest.

Ein düsteres Ende? Oder nur realistisch? Auf jeden Fall ein starkes, wenn auch nicht einfaches Stück Theater mit einem in allen Rollen herausragend aufspielenden Ensemble. 


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