Verbrechen der NS-Zeit wachhalten Besuche in Gedenkstätten: In den Meller Schulen gängige Praxis

Ratsschüler besuchen das ehemalige KZ Auschwitz-Birkenau nahe der so genannten "Rampe", dem Ort der Selektion Foto: Axel RothkehlRatsschüler besuchen das ehemalige KZ Auschwitz-Birkenau nahe der so genannten "Rampe", dem Ort der Selektion Foto: Axel Rothkehl
Axel Rothkehl

Melle. Der Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers sollte für alle Schüler verpflichtend sein. Dafür hat sich in einer Meinungsumfrage die Mehrheit der Deutschen ausgesprochen. Wie schaut die Praxis an den Meller Schulen aus? Gehört der Besuch einer Gedenkstätte zum Pflichtprogramm? Unsere Redaktion hat nachgefragt.

In der Ratsschule sind sind die Besuche einer Gedenkstätte auf dem Gelände eines früheren Konzentrationslagers längst in das offizielle Konzept aufgenommen und vom Schulvorstand so beschlossen worden. Demnach soll in der neunten oder zehnten Klasse jeder Schüler eine Gedenkstätte besucht haben. Das kann bei Tages- oder Klassenfahrten geschehen. Während bestimmter Klassenfahrten zum Beispiel nach München (Dachau), Erfurt (Buchenwald), Berlin (Sachsenhausen) oder Prag (Theresienstadt) ist der Programmpunkt verpflichtend. Auch Tagesfahrten nach Bergen Belsen oder Sachsenhausen sind möglich. Zudem gab es in den vergangenen Jahren mehrfach klassen- und jahrgangsübergreifende Projektfahrten übers Wochenende mit teilweise über 40 Schülern nach Ausschwitz oder Sachsenhausen. Alle Projektreisen sind Module im Langzeitprojekt "Gegen das Vergessen".

Der weltberühmte Eingang zum Vernichtungslager mit dem legendären Spruch "Arbeit macht frei". Foto: Axel Rothkehl

"Für alle Schüler im Jahrgang 10 ist der Besuch einer Gedenkstätte verpflichtend. Das ist in unserem Currikulum für das Fach Geschichte so verankert", berichtet Ulrich Look. Der stellvertretende Schulleiter des Gymnasiums verweist auf die verbindlichen Besuche der Wewelsburg im Paderborner Land im Jahrgang 10: "Regelmäßig bieten wir auch Fahrten nach Bergen Belsen mit Besuch der dortigen Gedenkstätte an," erklärt Ulrich Look.

Während der Führung im Stammlager trafen die Ratsschüler auf einige Studenten aus Israel (sie tragen die Nationalflagge auf dem Rücken). Foto: Axel Rothkehl

Darüber hinaus werden nach Möglichkeit auch Exkurse in der Oberstufe nach Krakau angeboten, was mit einer Visite nach Auschwitz verbunden wird: "Damit ist gewährleistet, dass jeder Schüler, wenn er unser Gymnasium verlässt, mindestens einmal eine Gedenkstätte besucht hat, und das schon seit vielen Jahren. Das ist in unserem Haus so festgeschrieben". In Kooperation mit der Ratsschule werden auch Zeitzeugenveranstaltungen angeboten. Mehrmals waren Auschwitz-Überlebende wie Erna de Vries und Sally Perel in Melle.

Der elektrische Zaun auf dem Gelände im Stammlager Auschwitz. Foto: Axel Rothkehl

Mitte der neunten Klasse bzw. Anfang der zehnten Klasse ist das Thema Nationalsozialismus im Lehrplan festgeschrieben, äußert sich Angelika Grobe: "Der Besuch einer Gedenkstätte ist nicht verpflichtend festgelegt. Die Kollegen machen das aber schon seit Jahren, wobei das Ziel variiert." So hätten Schüler der Lindenschule zum Beispiel Bergen Belsen aufgesucht, die Steinwache in Dortmund oder aber die Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen, wo gerade die Ausstellung modernisiert worden sei und es einen lokalen Bezug gebe, äußert sich die Schulleiterin der Lindenschule Buer.

Daneben hat die Schule eine Patenschaft für die Stolpersteine vor Ort übernommen und gestaltet die Gedenkfeiern zum Volkstrauertag mit: "Im Lehrplan sind die Besuche nicht verankert, aber es ist uns ein persönliches Anliegen, die Thematik weiterzutragen. Das machen wir in vielfältiger Weise und ganz freiwillig, auch ohne Vorschrift", unterstreicht Angelika Grobe.

Ratsschüler während der Führung im Vernichtungslage Auschwitz-Birkenau. Foto: Axel Rothkehl

Gemäß den currikularen Vorgaben wird das Thema Nationalsozialismus und Verbrechen während der NS-Zeit auch in der IGS behandelt: "Das Thema wird auf vielfältige Weise bearbeitet", betont Kerstin Lemke. Als Beispiele nennt die Schulleiterin die Auseinandersetzung mit der Materie in zwei Seminarfächern im Jahrgang 13, eine jahrgangsübergreifende Projektwoche, die sich speziell mit den Verbrechen während der NS-Zeit beschäftigt, eine von den Schülern gestaltete Ausstellung zum 80. Jahrestag der Reichsprogromnacht, Vortragsabende mit fachkundigen Referenten sowie Besuche in der Gedenkstätte Augustaschacht, die das Thema der Zwangsarbeiter abbildet.

"In Niedersachsen sind verpflichtende Besuche von Gedenkstätten nicht vorgesehen, die NS-Zeit wird an unserer Schule aber vielfältig aufgearbeitet; je nachdem, wie es sich im Unterricht anbietet", sagt Sandra Apeler. Die Schulleiterin der Wilhelm-Fredemann-Oberschule verweist auf Klassenfahrten in der Nähe, bei denen der Gestapokeller in Osnabrück oder die Ausstellung Augustaschacht besucht werden. Bei der Abschlussfahrt, die nach Berlin führt, nehme das Thema DDR breiten Raum ein, wobei dort Besuche von Holocaust-Gedenkstätten und des Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen auf dem Programm stehen. Den größten Eindruck bei den Schülern hinterlasse stets der Besuch von Zeitzeugen in der Schule.


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