Verdrehte Welt mit Helikopter-Geld Professor Hans-Werner Sinn referiert im Meller Sparkassenforum

Von Marita Kammeier

Signierstunde des Autors für zahlreiche wirtschaftspolitische Sachbücher.                                                                               Foto: Marita KammeierSignierstunde des Autors für zahlreiche wirtschaftspolitische Sachbücher. Foto: Marita Kammeier

Melle. Das Sparkassenforum 2019 erfüllte die hohen Erwartungen des Publikums in jeder Hinsicht. Professor Hans-Werner Sinn, emeritierter Professor für Volkswirtschaft, war 17 Jahre lang Präsident des Ifo-Instituts. Im Forum referierte er humorvoll und scharfzüngig zugleich über die aktuellen Finanz- und Wirtschaftsentwicklungen.

Leider passten nicht mehr als 600 Gäste Personen in den Vortragssaal im Forum, denn die Anmeldungen waren weitaus höher. "Realität oder Wahnsinn? Was ist das für eine Welt, in der Sparer bestraft werden?" So kündigte Sparkassenvorstand Frank Finkmann in seiner Begrüßung den europäischen Experten auf dem Gebiet der Ökonomie an.  

30 Jahre Hochschullehrer

Der aus dem westfälischen Brake bei Bielefeld stammende Hans-Werner Sinn weist eine Agenda auf, die kaum in den Lebensweg eines einzelnen Menschen passt. Die Neugier und die kompromisslose Suche nach der Wahrheit, bei der er keiner Kontroverse aus dem Weg ging, prägten die Karriere des Ökonomen. Forschungsreisen nach Kanada, 30 Jahre als Hochschullehrer, als Wissenschaftler und als Anwalt für eine bessere Wirtschaftspolitik zählen zu den Stationen des "Sinn-Suchenden".

Seit 1989 ist der Volkswirtschaftler Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. So zahlreich wie seine Bücher sind auch die Forschungsschwerpunkte, Preise und Verdienstkreuze des ehemaligen Direktors des Center for Economic Studies (CES) und Geschäftsführers der CESifo GmbH.

Verständlich und scharfzüngig referierte der Ökonomie-Professor Hans-Werner Sinn beim Sparkassenforum über Zusammenhänge der Finanzwelt und Entwicklungen der EZB-Politik. Foto: Marita Kammeier

"Es ist eine verdrehte Welt, Sparer zahlen an Schuldner." Anschaulich skizzierte der Professor die Entwicklungen von der Krise Südeuropas mit Verlust der Wettbewerbsfähigkeit bis zu aktuellen Fragen wie: "Wohin geht der Weg mit der neuen EZB-Präsidentin Christine Lagarde, und was wird die Politik machen?"

Eines sei klar, betonte der Experte: "Die Strategie des Siechtums mit dauerhafter Schwächung Europas können wir uns nicht länger erlauben. Seit der Lehmann-Krise mit anschließenden Rettungsgeldern haben wir strukturelle Dauerprobleme."

Eigenmächtige Geldpolitik

Die eigenmächtige Geldpolitik der EZB hätte die nationalen Druckerpressen aktiviert und Deutschland somit gezwungen, erhebliche Teile seines Vermögens gegen Target-Forderungen der Bundesbank zu tauschen, erläuterte der Ökonom und bezifferte auch sogleich die Fakten: "Wegen der niedrigen Zinsen haben die Deutschen seit der Krise 800 Milliarden Euro verloren."

Der oft genannte Begriff "Helikopter-Geld" sei eine reine Metapher, erklärte der Referent. "Die Zentralbank schickt Geld mit dem Helikopter und verteilt es großzügig. Doch soweit sind wir noch nicht." Den Deutschen gehe es gut, trotz der Rezession in der deutschen Industrie seit 2018, nur Österreich habe eine bessere Performance, betonte der Wirtschaftsprofessor.

Die Schlussfolgerung von Hans-Werner Sinn lautete: "Das System der EZB muss dringend reformiert und neu definiert werden. Wo sind die deutschen Programme für das neue Europa, das nach wirtschaftlichen und gerechten Regeln funktioniert."


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