Auf Friedhof in Buer Grundstein für den Artenschutz gelegt Relikte aus der Eiszeit helfen den Wildbienen in Melle

Ein Bagger schichtet die Findlinge sorgsam Stein für Stein unter wohlwollenden Blicken von Dieter Huntebrinker und Manfred Baute (rechts) auf. Foto: Volker TiemeyerEin Bagger schichtet die Findlinge sorgsam Stein für Stein unter wohlwollenden Blicken von Dieter Huntebrinker und Manfred Baute (rechts) auf. Foto: Volker Tiemeyer

Melle. Skandinavische Findlinge, die vor über 200.000 Jahren nach Buer gelangten und in der Gegenwart einen wertvollen Beitrag zum Artenschutz der Bienen leisten? Was auf den ersten Blick keinen Zusammenhang erahnen lässt, ist auf dem Friedhof in Buer in einem bislang einzigartigen Projekt umgesetzt worden.

Volker Tiemeyer von der Stiftung für Ornithologie und Naturschutz (SON) hat den Stein im wahrsten Sinne des Wortes ins Rollen gebracht. Hintergrund ist die Bestandserfassung von Singvögeln in Buer gewesen, die die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Stiftung im April auf die Baustelle des neuen Baugebietes "An der blanken Mühle" führte. Bei dieser Gelegenheit stießen die Vogelkundler auf markante Steine skandinavischen Ursprungs: "Eigentlich sollten die Findlinge auf der Steinbrechanlage landen, das wäre sehr schade gewesen", äußerte sich Volker Tiemeyer auf Nachfrage unserer Redaktion.

80 Findlinge

Denn der Stiftung war rasch klar geworden: Die rund 80 Findlinge, die bis zu einer Tonne wiegen, können für das SON-Projekt "Artenschutz im ländlichen Siedlungsraum“ eingesetzt und damit einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten. Das Projekt hat das Ziel, Wildbienen und weitere Tierarten auf urbanen Flächen wie Gärten, an markanten Gebäuden und auf Friedhöfen durch nachahmenswerte Kleinvorhaben zu fördern.

Von Dieter Huntebrinker vom Heimat- und Verschönerungsverein Buer und den Mitgliedern des Friedhofsausschusses der Martinikirche erhielt Tiemeyer Unterstützung für das Vorhaben, die Findlinge, kombiniert mit lebensraumoptimierenden Elementen wie Sand- und Blühflächen auf dem Friedhofsgelände für den Artenschutz zu verwenden. „Doch realisiert werden konnte die Idee erst mit der Zusage der Wohnungsbau Grönegau als Planerin des Neubaugebiets und des Tiefbauunternehmens Dieckmann“, erklärte Dieter Huntebrinker, der mit dazu beitrug, die beiden Unternehmen für das Vorhaben zu gewinnen.

Von Skandinavien nach Buer

Geradezu spannend und von naturkundlicher Bedeutung ist die Herkunft der Steine, die bei den Erschließungsarbeiten im Boden zutage kamen. Skandinavische Steine in unglaublicher Vielfalt im Untergrund von Buer? „Korrekt! Mit dem Vorstoßen der Eismassen während der Saalekaltzeit vor rund 200.000 Jahren gelangten große Grobgesteins- und Sandmengen aus skandinavischen Regionen in den Bueraner Raum und weit darüber hinaus. Der lange Transportweg im Eis schliff zumeist sämtlich Kanten ab, weshalb die Steine uns quasi in aerodynamisch optimierter, also mehr oder weniger gerundeter Form begegnen“, erläuterte Tiemeyer den Hintergrund des Phänomens.

Bagger und Radlader

In einer spektakulären Aktion wurden jetzt die ersten Findlinge mit einem Bagger und Radlader auf dem Friedhof in Position gebracht. In den kommenden Wochen soll das Areal, auf dem die Findlinge jetzt ihren Platz gefunden haben, unter der Federführung von Friedhofswart Manfred Baute durch Sand und Stauden für Wildbienen und weitere Insektenarten aufgewertet werden. 

Denn: Es gibt nach Auskunft von Volker Tiemeyer 560 Wildbienenarten, von denen drei Viertel Erdnister sind. Diese Arten lieben sandige und lehmige Flächen. Die Findlinge und Sandflächen bieten insofern ideale Lebensbedingungen. 

Dabei dürfen die gezielt aufgeschichteten skandinavischen Steine nach Aussage von Volker Tiemeyer durchaus als Grundstein für weitere Maßnahmen zugunsten des Artenschutzes auf dem Bueraner Friedhof gesehen werden: „Auch hier möchte die Kirchengemeinde mit Unterstützung der SON einen Beitrag zum Erhalt der Insektenvielfalt leisten, indem heimische Laubbäume statt Koniferen und blütenreiche, mehrjährige Stauden statt Wechselbepflanzung mit exotischen Arten gefördert werden“, sagte Arend Holzgräfe vom Martini-Kirchenvorstand. 

Zeugen der Eiszeit mit dem Artenschutz zu verknüpfen und sie nahezu am Ursprungsort zu belassen: Das ist nach Darstellung der SON in der Region neuartig und zu ein – wenn auch symbolischer – Beitrag zum Klimaschutz, da der aufwendige Abtransport der Gesteinsbrocken entfällt.


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