Applaus für „Canaillen Bagage“ Gauner mit Charme und Gesangstalent auf Hof in Melle

Gangsterboss Petzmann und seine Frau warben im Publikum um kriminelle Mitstreiter. Foto: Petra RopersGangsterboss Petzmann und seine Frau warben im Publikum um kriminelle Mitstreiter. Foto: Petra Ropers

Buer. Launig, burschikos, mit lachmuskelstrapazierenden Slapstick-Einlagen und zuweilen auch mit ernsten Untertönen: So präsentierte sich das „Gaunerstück“ der „Canaillen Bagage“ auf dem Hof Finke-Gröne im Meller Stadtteil Buer. Zum dritten Mal luden der Verein Artig und Gastgeber Dieter Finke-Gröne zum Theatervergnügen unter freiem Himmel ein.

Diebe streiften auf der Suche nach Beute durch die Stuhlreihen. Gaunerboss Petzmann warb im Publikum um Mitstreiter bei zwielichtigen Geschäften. Polizist Brummer nahm bei unerbittlichen Personenkontrollen Schauspieler wie Zuschauer gleichermaßen unter die nicht vorhandene Lupe: Einen turbulenten Auftakt nicht nah am, sondern mitten im Publikum nahm das Gaunerstück nach John Gays „Bettleroper“.  

Der laute Zwischenruf „Zugriff! Zugriff!“ startete die Jagd auf den Gangster und Herzensbrecher Macke - und zugleich ein Bühnengeschehen, das sich auch in der Folgezeit immer wieder auf das Umfeld ausdehnte. Echte Originale bevölkerten dabei die Szenerie, allen voran Harry Macke (Jonas Panhuysen), der die Damen jedweder Couleur gleich reihenweise um den Finger wickelt.

Auch Paula (Anna Lena Friedrichs), Tochter des Gangsterbosses Petzmann (Josef Bäcker) ist vor seinem Charme nicht gefeit – sehr zum Verdruss ihrer Eltern. Eine heimliche Heirat mit einem Nichtsnutz wie Macke? Petzmann lässt das nicht auf sich beruhen. Er verrät den unerwünschten Schwiegersohn an Polizeidirektor Braun (Daniel Scholz), um sich nebenbei gleich noch mit ihm das Kopfgeld zu teilen. Doch Charmeur Macke hat mehrere Eisen im Feuer und windet sich bald aus der Klemme. Zeitlose Kritik

Verbrecher, die ihrer „Profession“ mit der Ernsthaftigkeit eines regulären Berufs nachgehen, ein Polizeichef mit Beziehungen zur Unterwelt, irgendwo in einer scheinbar anderen Welt die Oberschicht, die von den Gaunern ohne Skrupel um silberne Zigarettendosen und Perlenketten gebracht wird: Als feiner, aber unüberhörbarer Unterton kommt die Kritik an einer Gesellschaft daher, die sorgsam all jene ausblendet, die vom Leben weniger begünstigt wurden.

Dabei versetzt die „Canaillen Bagage“ das Geschehen behutsam aus dem 18. ins 20. Jahrhundert: Ihr altes Leben liege noch in den Schützengräben von Verdun, wirbt Eisen-Erich (Ines Bollmeyer) um Verständnis für seine kriminellen „Jungs“. Die haben sich arrangiert – nicht zuletzt dank einer perfekten Tarnung. Auch Journalistin Else bringt mit ihren Recherchen über die kriminelle Wahrheit hinter den vermeintlich harmlosen Männergesangsvereinen nur wenig Sand ins Getriebe.Witz und Spiellaune

Slapstickartige Prügeleien, Ehekrach und Zickenkrieg, Charme-Offensiven hinter Gitter und singende Gangster: Das „Gaunerstück“ punktet mit Witz, ansteckender Spiellaune und einer gehörigen Portion Selbstironie.

 Und dann ist plötzlich alles anders: Der Ton wird rau, die Journalistin kaltgestellt. Macke sitzt wieder ein, die Bande um Petzmann taucht unter. Und auf dem Stuhl des Polizeichefs sitzt in langem Ledermantel ein Gestapo-Offizier mit eisiger Miene.

Der deutliche Bruch mit dem Happy End der „Bettleroper“ verleiht dem „Gaunerstück“ zum Abschluss einen ernsten Ton, der lange nachhallt. Der anhaltende und hochverdiente Applaus lässt auf ein Wiedersehen mit der „Canaillen Bagage“ im kommenden Jahr hoffen. 

Charmeur Harry Macke lässt selbst auf der Flucht vor dem Gesetz nichts anbrennen. Foto: Petra Ropers



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