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Hartes und kaltes Leben Geschichte eines Obdachlosen: Bei Eiseskälte auf der Straße leben

Von Marita Kammeier


Melle. „Wirklich weise ist, wer seine Träume behält und nicht für die Realität zerstören lässt“, sagt ein indianisches Sprichwort. Rolf Aus der Wischen träumt von einem großen Koffer voller Euroscheine und einem neuen Leben in Thailand. Doch die Realität sieht anders aus: Sein Augenlicht wird immer schwächer, Geld für die Brille hat er nicht, und das Leben auf der Straße wird zunehmend härter und kälter.

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass er nicht alles sieht. Die Brille verlor er vor acht Jahren, doch jetzt wird es immer schlimmer mit den Augen. „Ich bin auf der Durchreise, da macht jeder seine Sache“, sagt Rolf Auf der Wischen. Von seinen Freunden lebt keiner mehr – Obdachlose altern schneller. Seit 26 Jahren lebt der 50-Jährige auf der Straße.

Alles begann, als seine Eltern kurz nacheinander starben. Der 24-Jährige konnte die Miete nicht mehr bezahlen, machte sich auf den Weg durch ganz Deutschland. „Frei sein, jeden Tag ein anderer Ort“, beschrieb er seine damaligen Gefühle.

Doch heute, im eisigen Winter, sieht das anders aus. Übernachtungsstellen wie die am Engelgarten gewähren drei Nächte Unterkunft, im Winter auch mal länger. Pro Tag erhalten die Nichtsesshaften 12,47 Euro. Vormittags heißt es dann, sich wieder auf den Weg machen in die nächste Stadt: zu Fuß oder mit der Bahn. Rolf bleibt im Bezirk Minden/Osnabrück/Bersenbrück. Da kann er sich im Winter hin und wieder eine Bahnfahrt leisten.

Im Sommer übernachtet er draußen. „Platte suchen immer außerhalb der Stadtzentren, ich möchte nicht zusammengeschlagen werden“. Anette Kaiser, Leiterin der Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes, hält sich an Fakten: Die Nichtsesshaften sind schwer zu integrieren, haben viele Baustellen: gesundheitliche Beschwerden, kaputte Zähne, ein geringes Selbstwertgefühl, Einsamkeit, Alkoholprobleme.

Doch es gibt immer wieder Mut machende Beispiele von Obdachlosen, die sesshaft wurden.

Das fachlich versierte Beratungsteam im Engelgarten hilft ihnen. Sozialarbeiter Rainer Grüter schenkte Rolf erst einmal eine Brille und vereinbarte einen Termin beim Augenarzt.