Klangbilder und Weltgeschehen Feature mit Orgelkonzert in St.-Matthäuskirche Melle

Von Conny Rutsch

Musik und Geschichte: Stephan Lutermann, Orgel, Annette Kristina Banse, Hans Christian Schmidt-Banse (vorne von links) sowie die Kalkanten Allesandro Meinel und Simeon Walbaum (hinten von links). Foto: Conny RutschMusik und Geschichte: Stephan Lutermann, Orgel, Annette Kristina Banse, Hans Christian Schmidt-Banse (vorne von links) sowie die Kalkanten Allesandro Meinel und Simeon Walbaum (hinten von links). Foto: Conny Rutsch

Melle. Geschichte ausgesprochen anders - das ist das musikalisch-literarische Konzept von „Concerto recitativo“: Annette Kristina Banse und Hans Christian Schmidt-Banse gestalteten am Sonntag ein spannendes Feature über die beiden wichtigen Eckjahre der Klausing-Orgel in der St.-Matthäus-Kirche in Melle.

Musikalisch eingerahmt wurde das Konzert von Stephan Lutermann an eben diesem historischen Instrument.  Zwölf Kapitel und 18 Orgelwerke: etwas länger als eine Stunde durften die Besucher dem kurzweiligen Konzert folgen und dabei Spannendes aus Melle und der Welt aus der Entstehungszeit der Klausing-Orgel, 1713, sowie deren Ankunft in Melle, 1819, erfahren.  

Bach als Sachverständiger

Annette Kristina Banse, Literatur- und Musikwissenschaftlerin, und Hans Christian Schmidt-Banse, Professor für Musikwissenschaft an der Uni Osnabrück, brachten in Form kurzer Reportagen, Kommentare und Dialoge Daten, Fakten und persönliche Einschätzungen dar, wie es damals in Melle zugegangen ist oder sein könnte.

1713 gab es in dem damals noch kleinen Melle mit gerade mal 2000 Einwohnern und strohgedeckten Fachwerkhäuschen noch keine Zeitung. Während in Berlin die Charité gegründet wurde und die Wahrscheinlichkeitsrechnung entstand, konnte sich Melle auf einen berittenen Postboten verlassen, der zweimal pro Woche Nachrichten in die Stadt trug. Und in der Orgelbauerwerkstatt Klausing in Herford entstand die heute in Melle gefeierte Orgel zunächst für das Dominikanerkloster in Osnabrück.

Möglicherweise, wie das Ehepaar Banse mutmaßte, könnte bei den Orgelbauern Johann Sebastian Bach schon als Sachverständiger für Orgeln bekannt gewesen sein. Ob man ihn in Melle gekannt habe, sei wohl aber fraglich.  

Und weiter ging die Geschichtsreise: im Jahr 1713 wurde der Dampfdruckkochtopf erfunden, die Schreibmaschine sowie das Meißner Porzellan und die Stimmgabel. Im gleichen Jahr äußert sich Carl von Carlowitz in einem Buch über Forstwirtschaft zum ersten Mal über das heute hochaktuelle Thema der Nachhaltigkeit.  

Zum Galgen geführt

Während zum Tode Verurteilte in Melle durch die Rabingenstraße nach Altenmelle Richtung Galgen geführt werden, denken kluge Köpfe hier über eine neue Orgel nach, „als würde ihr Klang das Leben verschönern“, merkten die Banses an.

Und tatsächlich. Nach der Auflösung des Dominikanerklosters konnte die Meller St. Matthäusgemeinde die Klausing-Orgel erwerben. Das war im Jahr 1819. Während Franz Schubert sein Forellenquartett auf Notenpapier bringt, in Herford die Draisine erfunden und Clara Wieck, später verheiratete Schumann geboren wird, erklingen auf der Klausing-Orgel in Melle wunderschöne Fugen, und vielleicht an Weihnachten sogar schon das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“, das im Jahr 1819 seinen Siegeszug um die Welt antritt.

Erfreuliches und Nachdenklichstimmendes aus Melle und der Welt in Worten ergänzte Stephan Lutermann an besagter Orgel und ließ mit etlichen Werken von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Dietrich Buxtehude, Francois Couperin und einigen anderen Komponisten auch die Geschichte der Musik erklingen. Von pompösen Präludien über vielstimmige Fugen, leichtfüßigen Tänzen, Choralvorspielen und Bearbeitungen zeigte der Organist die unglaubliche Klangbreite des historischen Instrumentes mit seiner hohen Virtuosität und einfühlsamen Musikalität.

Interessant für die Konzertbesucher zeigte eine Videoübertragung - präsentiert unten im Kirchenschiff von Hans-Erich Lutermann - vom Orgelboden das Spiel des Orgelkünstlers und auch die Arbeit der beiden Kalkanten: Simeon Walbaum und Alessandro Meinel bedienten die großen Pedale der Bälge, um die Orgel wie 1713 oder 1819 per Muskelkraft mit Luft zu versorgen.



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