Udo Baer beim Hospizdienst eingeladen „Kriegserbe in der Seele“: 200 Zuhörer in Melle

Christoph Franken

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Einen aufschlussreichen Einblick in die Traumata der Kriegsgeneration vermittelte Udo Baer im Forum. Foto: Hospizinitiative MelleEinen aufschlussreichen Einblick in die Traumata der Kriegsgeneration vermittelte Udo Baer im Forum. Foto: Hospizinitiative Melle

Melle. Fast 200 Zuhörer kamen in das Forum in Melle, als Diplom-Pädagoge, Trauma-Therapeut und Buchautor Udo Bae zum Thema "Kriegserbe in der Seele " sprach.

 Ausgerüstet mit einem beeindruckenden Fakten- und Detailwissen zum Thema begann er den Vortrag zunächst mit einer Aufzählung der schlimmsten Gräueltaten und Opferzahlen des letzten Weltkrieges. Schon nach wenigen Sätzen merkten die Zuhörer jedoch an der sehr lebendigen und berührenden Herangehensweise des Referenten, dass die eigentliche Botschaft dieses Abends in einer Aufforderung zum "Hinfühlen" bestand, er also nicht nur wissenschaftlich-informativ das Thema behandeln wollte. 

Sehr lebendig, mitfühlend und immer "nah am Menschen" erzählte er dann beispielhaft kleine Geschichten sowohl aus seinem familiären Umfeld als auch aus seiner langjährigen traumatherapeutischen Praxis. Da war der Schwiegervater, der sich auf der Nordseeinsel eingeschlossen fühlte wie in Stalingrad, da war die Patientin, die Wertpapiere und Gold unter dem Bett hortete, sich selbst und ihren Kindern aber nur dünn Margarine auf dem Brot zugestand, da war der Mann, der nicht mehr verreisen wollte, weil er im Krieg so heimatlos geworden war, da war  das Türenschlagen, das zum Schuss wird, da war der Donner des Sommergewitters, das zum fernen Artilleriegrollen anschwillt. 

Ein Blick in die betroffenen und zum Teil verweinten Gesichter der Zuhörer an diesem Abend, allesamt Kriegskinder oder -enkel, ließ ahnen wie erschreckend aktuell das Thema auch heute noch ist. Besonders in der hospizlichen Begleitung kommt es natürlich auch immer wieder vor, dass solche schlimmen Erfahrungen mit „auf der Bettkante sitzen“. 

Wie kann nun diese endlose Kette der traumatisierenden Weitergabe von einer Generation an die nächste unterbrochen werden? Die Antwort des Referenten, basierend auf all seinen therapeutischen Erfahrungen, lautet hier relativ schlicht: Reden, Reden, Reden! Zuhören, Fühlen, Weinen, Trösten, „Händchen halten“. Miteinander. Immer wieder. In der Familie, mit den Kindern, Freunden, Therapeuten, Seelsorgern, bis dies zu einer Haltung reift. Einer mitfühlenden Haltung, die er selbst während des ganzen Abends überzeugend vorlebte, und die ihre Wirkung tat. Denn:„Willst du ein Trauma sicher weitergeben, dann schweige“. 

Im abschließenden Teil führten Fragen und Erfahrungsberichte aus dem Publikum noch einmal zu einem sehr berührenden und lebendigen Austausch.


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