Parallelen in Architektur und Stil Auch Melle hat seine „Marienburg“

Von Fritz-Gerd Mittelstädt

Die Diedrichsburg in den Meller Bergen, in sommerliches Grün gehüllt. Archivfoto: Gert WestdörpDie Diedrichsburg in den Meller Bergen, in sommerliches Grün gehüllt. Archivfoto: Gert Westdörp

Melle Augenblicklich erhält man viele Informationen und Meinungsäußerungen zur Zukunft der Marienburg in der Gemeinde Pattensen südlich von Hannover. Auch in Melle befindet sich ein in diesem Geist und im Stil der Neugotik errichtetes Gebäude.

Anlass für die Inflation der Informationen zur Marienburg ist der mögliche Verkauf durch das Haus Hannover an das Land Niedersachsen, dessen Klosterkammer als möglicher Eigentümer für die Kosten der Sanierung und des Erhalts aufkommen müsste. Der von König Georg V. in Auftrag gegebene Bau der Marienburg begann im Jahre 1858; sie wurde 1867 fertiggestellt - ein Jahr nach der Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen.

Stil der Neugotik

Die Marienburg gilt – neben der Christuskirche in Hannover – als Hauptwerk der neugotischen Architektur in Niedersachsen. Inzwischen hat die Kunstwissenschaft diesen Stil als eigenständige Formensprache entdeckt und würdigt sie als Ausdruck einer Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts.

Auch in Melle findet sich ein im Stil der Neugotik errichtetes Gebäude in einer markanten Lage in der Landschaft – freilich weniger prominent und deutlich bescheidener als die Marienburg: Die Diedrichsburg, der Witwensitz für Königin Marie.

Nach den Schäden, die der Sturm Kyrill 2007 angerichtet hat, sieht man inzwischen aus der Ferne den Turm der Diedrichsburg, die 220 Meter über dem Meeresspiegel auf einem Bergrücken steht. Ihr Standort befindet dort, wo sich in frühgeschichtlicher Zeit eine Wallburg erstreckte – wie auch ein vorgeschichtlicher Ringwall auf einer Anhöhe den Grundriss für das Schloss Marienburg vorgab. Der Plan für den Bau der Diedrichsburg in den Meller Bergen hatte Ernst Freiherr von Vincke; er kam aber mit dessen Tod 1845 zum Erliegen. 15 Jahre später ist sie als Teil eines Landschaftsparks südlich des Gutes Ostenwalde fertiggestellt worden.

Sie ähnelt in ihrer Architektur der Marienburg. Wie der Architekt C. W. Hase für die Marienburg so hat B. E. Quaet-Faslem für die Diedrichsburg den Stil der Neugotik gewählt.

Weder die Marienburg noch die Diedrichsburg wurden als Verteidigungsanlagen konzipiert und gebaut. Die Zeit mittelalterlicher Burgen und Verteidigungstechniken war längst vorüber. Und dennoch verfügen beide Burgen je über einen den Raum wie im Mittelalter prägenden Bergfried. Ohne fortifikatorische (den Bau oder der Verstärkung von Verteidigungsanlagen oder den Ergebnissen dieser Maßnahmen betreffend, die Red.) Notwendigkeit erfüllen Zinnen nur die Funktion von plastischem Baudekor: nie haben dahinter abschussbereit Kanonen gestanden.

Sehnsuchtsraum

Am Vorabend politischer, sozialer und wirtschaftlicher Umwälzungen im 19. Jahrhundert zeigt sich im Wiederaufleben mittelalterlicher Bauformen in der Formensprache der Neugotik ein rückwärtsgewandter Blick: man sah im Mittelalter eine heile Welt.

Sowohl in der Marienburg als auch am Beispiel der Meller Diedrichsburg wird ein Sehnsuchtsraum mit den formalen Mitteln einer Sehnsuchtszeit gestaltet. Eine Fantasie wird Wirklichkeit. Insofern sind beide Gebäude – das eine von landesweiter, das andere eher von lokaler Bedeutung – mehr als nur Architekturdenkmäler. Sie sind vielmehr erhaltenswerte Zeugen für Geisteshaltungen in ihren prägenden Raumgestaltungen.

Außerdem wurden in Wellingholzhausen und Neuenkirchen auch Gotteshäuser im Stil der Neugotik errichtet. In der Gotik sah man nun einen nationalen Baustil, in dem neben christlicher Frömmigkeit auch ein Nationalbewusstsein zum Ausdruck kam. Die Neugotik erhielt zusätzlich zum Blick zurück ins Mittelalter die über Gebäude transportierte Funktion, den Blick in die Zukunft zu richten, in der sich Deutschland als geeinte Nation finden sollte. Steingewordene Fantasie wandelte sich zur nationalen Erziehung mittels baulicher Raumgestaltung.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN