Oma verkauft afghanischen Shit Altersarmut Thema im Theater Melle

Von Conny Rutsch

Große Schauspielkunst: Diana Körner.Archivfoto: Wilfried GebauGroße Schauspielkunst: Diana Körner.Archivfoto: Wilfried Gebau

Melle Sehr lecker sind die Madeleines, die Paulette backt. Ihre Freundinnen reizen sie zu fröhlichen Lachattacken. Und damit ist eine Idee geboren, die Geld verspricht. Das Thema Altersarmut brachte des Theaterstück „Paulette – Oma zieht durch“ in der Bühnenfassung von Anna Bechstein mit Diana Körner in der Hauptrolle am Montag auf die Bühne des Theaters Melle.

Paulette bekommt eine derartig kleine Rente, dass sie aussortiertes Gemüse einsammeln muss und sich rein gar nichts leisten kann. Ihr Mann ist seit zehn Jahren tot, und ihre Tochter ist mit Arbeit, später Arbeitslosigkeit und ihrem Sohn beschäftigt. Der Gerichtsvollzieher lässt Möbel und sogar das Telefon aus ihrer kleinen Wohnung tragen und stürzt Paulette damit in Verzweiflung.

Bitterböser Zynismus

Gepaart mit bitterbösem Zynismus, lässt die alte Dame ihre Wut an allem aus, was ihr in die Quere kommt: an der vermeintlich falschen Hautfarbe ihres Schwiegersohns, den sie schon mal „meine Buschtrommel“ nennt, und damit auch des Enkels, an Pfarrer und Freundinnen. Sie brüllt „Scheiße“ und „Hau ab, du Wichser“ und noch stärkere Schimpftiraden, hadert mit der Ungerechtigkeit der Welt, bis...

Als Paulette beobachtet, wie zwei Jugendliche Drogen zu Geld machen, fasst sie einen Plan und bietet sich einem Dealer an. Da sie als alte Frau völlig unverdächtig ihren Geschäften nachgehen kann, scheffelt sie Geld und erhöht mal eben ihren Anteil von zehn auf 30 Prozent.

Die beiden Freundinnen sehen wohl die schönen Klamotten, die Verwandlung Paulettes von der armen Alten, doch bemerken sie nicht, unter welchem Druck Paulette steht. Sie wird von Dealern bedroht, in deren Revier sie ihren afghanischen Shit verkauft.

Ganz versehentlich, ohne zu wissen, was er tut, kommt ihr Enkel ihr zu Hilfe, den sie betreut, wenn ihre Tochter arbeitet. Er mischt Haschisch in den Kuchenteig. Das wird ein voller Geschäftserfolg. Ein Madeleine kostet nun 20 Euro, das Gebäck wird ihr förmlich aus den Händen gerissen. Doch es kommt, wie es kommen muss. Der geldgierige Chefdealer will Paulette zwingen, die Kekse schon an Schulkinder zu verkaufen. Das allerdings verweigert sie. Das Ende? Paulette, ihre Familie und die Freundinnen ziehen von Paris nach Amsterdam.

Wandlungsfähige Kulisse

Das aktuelle Thema der Altersarmut vor allem bei Frauen scheint für das Bühnenstück des ag.on-Theaters aus München auf den ersten Blick komödiantisch in Szene gesetzt. Das Publikum lacht über die außerordentlich ordinäre Ausdrucksweise Paulettes, über die großen Kästen, die auf der Bühne Wände verlieren und sich damit als sehr wandlungsfähige Kulissen entpuppen.

Das Publikum freut sich mit, wenn Paulette Geld scheffelt und sich die knallrote Lederjacke leisten kann. Die Moral bleibt auf der Strecke beim Drogenverkauf. Aber Theater darf überhöhen, um wichtige Themen in den Fokus zu rücken. Trotz vieler Lacher regte Paulette zum Nachdenken an in einer Zeit, in der es tradierte Familienstrukturen nicht mehr gibt und die Alten aus dem Blickfeld gerückt werden.

Diana Körner als Paulette zeigt ihre große Schauspielkunst, die wie selbstverständlich wirkt und doch so viel Erfahrung benötigt. Ihre neun Kollegen mit vielen Doppelrollen machten das Stück hautnah lebendig und trotz seiner Absurdität und Tiefe zu einer sehr schön ausgestalteten Komödie.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN